Samstag, 15. Juni 2019

Das Unmögliche III

 
 Sigmund Freud (1856-1939), am 16. Mai 1905.  Quelle: Wikimedia commons, Link.


Maxe fand sich bald im Wartezimmer einer psychoanalytischen Praxis wieder. Aufgrund der Einrichtung versuchte er, sich ein Bild vom Psychoanalytiker zu machen. Weiß getünchte Wände, alte Gemälde an den Wänden, Stühle aus hellem Holz. Am Fenster stand ein Dickicht aus sorgfältig gepflegten Grünpflanzen. In einer Ecke des Zimmers verströmte ein Duftbrunnen ein wohlriechendes Aroma, welches Maxe an die Lavendelsäckchen seiner Großmutter erinnerte. Maxe hatte sich telefonisch angemeldet, sein Problem kurz beschrieben und eine Woche später einen Termin zur therapeutischen Sprechstunde bekommen. Er hatte die Hoffnung angenommen zu werden, damit das Arbeitsamt aufhörte Druck zu machen und damit sich vielleicht etwas in seinem Leben änderte. Am Telefon klang der Analytiker verständnissvoll aber auch bestimmt, weshalb Maxe befürchtete, dass der Analytiker ihn vielleicht nicht in Behandlung nehmen würde, wenn er erfuhr, was ihn dazu bewog eine Psychotherapie zu machen. Maxe hörte, wie die Tür des Behandlungszimmers geöffnet wurde. Herr Dr. Kluge-Meier trat heraus, um Maxe zu begrüßen.
«Guten Tag Herr Möllers. Kommse herein.» Dr. Kluge-Meier gab Maxe die Hand und lächelte freundlich.
«Für mich ist es soweit klar, dass bei Ihnen eine Behandlung erforderlich ist. Jedoch möchte ich vorab mit Ihnen noch den Rahmen der Behandlung klären. Erstens, ich fülle keine Krankschreibungen oder andere Berichte für Krankenkassen oder Behörden aus. Zweitens, sie bedürfen einer konsequenten Behandlung viermal wöchentlich über zwei Jahre auf der Couch. Drittens, falls sie unentschuldigt fehlen sollten, haben Sie ein Ausfallhonorar in Höhe des Kassensatzes an mich zu zahlen. Haben Sie noch fragen? Sie können es sich gerne noch einmal überlegen, ob Sie von mir behandelt werden wollen.»
«Ist schon gut.»
«Dann überspringen wir jetzt das Erstinterview und beginnen gleich mit der Behandlung. Bitte machen Sie es sich auf der Couch bequem.»
Maxe fühlte sich nicht wie der ideale Patient und es war ihm unangenehm, dass er nicht hochmotiviert für die Psychotherapie war. Die Bedingungen schmeckten ihm eigentlich auch nicht, aber er war ja nicht gezwungen mitzumachen und konnte jederzeit die Behandlung abbrechen, wenn er es wollte. Vielleicht würde es ihm anstelle einer Krankschreibung Selbsterkenntnis bringen, hoffte Maxe.
«Ich möchte Sie mit der Grundregel vertraut machen. Die Grundregel ist im Grunde nicht mehr als eine Aufforderung zum freien Assoziieren. Dies ist ein geschützter Raum in dem Sie frei ihre Gedanken äußern sollen, ohne Bewertung befürchten zu müssen. Hier herrscht absolute Meinungsfreiheit. Zugleich möchte ich Sie auch dazu auffordern keine Geheimnisse für sich zu behalten, denn es verhält sich mit den Geheimnissen in der Psychoanalyse so wie Freud einmal sagte: Wenn man den Strolchen Wiens in der Stephanskirche einen extraterritorialen Raum schaffe, hielten sie sich grade dort auf. Sie müssen wissen, dass Sie zum Fortschritt und gelingen der Therapie entscheidend beitragen, wenn Sie die Grundregel so gut Sie können befolgen. Bitte versuchen Sie, alles mitzuteilen, was Sie denken und Fühlen. Sie werden erkennen, dass dies nicht immer einfach ist, aber der Versuch lohnt sich.»
Maxe lag nun auf der Analyseliege und ließ die Worte des Analytikers zur Grundregel sacken. Es folgte eine längere Pause der Stille. Der Analytiker schwieg und Maxe wartete darauf, dass er etwas sagte.
«Sind Sie noch da?»
«Warum fragen Sie das?»
«Sie sagen ja garnichts. Wollen Sie mir keine Frage stellen?»
Dr. Meier-Kluge antwortete nicht. Wieder folgte Schweigen. Maxe erinnerte sich daran wie er als Junge mit seinen Freunden gespielt hatte, wer es schaffte, am längsten nichts zu sagen, hatte gewonnen. Er war darin eigentlich immer recht gut gewesen und ließ es nun auf ein Kräftemessen mit Dr. Meier-Kluge ankommen. Am Ende der Stunde bat der Analytiker den Patienten höflich, nun aufzustehen. Maxe kam der Aufforderung nach und vereinbarte die Folgetermine. Dr. Meier-Kluge verabschiedete sich mit einem festen Händedruck und einem wohlwollenden Lächeln. Maxe verließ die psychoanalytische Praxis und fühlte sich auf irgendeine Weise leichtfüßig und beschwingt. Es störte ihn nicht mehr, dass er keine Krankschreibung bekommen hatte und er war fest entschlossen zum Seelenklempner, wie er Dr. Kluge-Maxe scherzhaft nannte, zu gehen.



Das Unmögliche I 

Das Unmögliche II 

Freitag, 14. Juni 2019

Das Unmögliche II

 Statue Schloss Charlottenburg. Quelle: Wikimedia commons Link


Maxe saß am zum Hinterhof geöffneten Fenster seines WG-Zimmers im linken Seitenflügel eines einst herrschaftlichen Hauses in Berlin Charlottenburg. Sein Blick lag auf den beiden Visitenkarten vor ihm auf dem Tisch. Heute war er bei seiner Hausärztin gewesen und sie hatte ihm empfohlen aufgrund einer Depression eine Psychotherapie zu machen.
«Sagen Sie, dass ich Sie schicke.» Hatte die Ärztin ihm mit auf den Weg gegeben.
Das Jobcenter saß ihm mit Sanktionen im Nacken, weil er schon länger arbeitslos gemeldet war und sich offensichtlich nicht um eine neue Arbeit bemühte. Ein Freund hatte ihm erzählt, dass das Jobcenter einen in Ruhe lassen würde, wenn man einen auf Depression und eine Psychotherapie machen würde. Es war sehr einfach gewesen eine Überweisung zum Psychotherapeuten zu bekommen. Maxe hatte der Ärztin nur etwas von seiner Antriebslosigkeit, Interessenverlust und Freudlosigkeit erzählt. An seine wahre Innenseite war sie nicht herangekommen. Allgemein waren andere Menschen für Maxe oberflächlich.
«Sie vernachlässigen rücksichtslos das Innenleben ihrer Mitmenschen und haben banale Vorstellungen von der Gefühlswelt und deren Inhalten. Die Welt zieht an mir vorbei wie der Qualm einer vor meinem Fenster gerauchten Zigarette. Ich friste mein Dasein hier in dieser Zelle, diesem Viertel, dieser Stadt ohne Sinn meiner Existenz. Mein Dasein ist abgetrennt von den anderen Menschen, mit ihnen fühle ich mich nicht verbunden. Wozu ist mein Dasein gut? Alle anderen scheinen, ohne Denken marionettenhaft zu funktionieren. Was fehlt mir? Wieso passe ich nicht hinein? Es gibt keine ehrlichen, wechselseitigen Beziehungen in dieser Stadt. Euer System ist nicht mein System. Ich fühle mich ausgeschlossen und lebensunfähig. Was soll mich überhaupt am Leben halten? Früher war in mit doch ein Funke, der alles zu überflügeln schien. Heute sind meine Talente ungenutzt und ich spüre wie meine Fähigkeiten verkümmern. Alles fühlt sich so mangelhaft an. Überall fehlt es an Geistreichem. Ich bleibe unverstanden, denn keiner ist im Stande den geistig-seelischen Bereich mit mir zu teilen. So bleibe ich ein Sonderling, im Grunde immer allein und ohne Beziehung. Die anderen folgen inneren Bahnen, die mit ein Rätsel sind. Den Sinn ihres Handelns kann ich nicht erfassen. Ihr reges Treiben bleibt mir verschlossen. Für mich ist es ein Mysterium, während es für alle anderen Menschen Selbstverständlichkeit darstellt. Wie kann das sein, da ich doch so feinfühlig bin? Die anderen sind gefühlsarm, primitiv wie Tiere und geistlos! Währen ich leide und verzweifel, erfreuen sich die anderen am Leben. Wie widerlich und falsch ihr Lachen in meinen Ohren klingt. Sie sind doch allesamt nur mit Instinktverhalten ausgestattete Egoisten! Tun sie doch allein das, was ihrem Leben dienlich ist.»
Dann streifte sein Blick den offenen Laptop. Dort hatte Maxe den Bomber’s Baedeker als Digitalisat auf Gutenberg Capture aufgerufen. An seiner Wand hing ein Poster mit dem Aufruf Bomber Harris do it again.


Arthur Harris, commander in chief of Bomber Command.  Quelle: Wikimedia commons Link.






Dienstag, 11. Juni 2019

Das Unmögliche I

 
Marienkäfer an einem Grashalm. Quelle: Wikimedia commons, Link


So sah es nun eben aus. Sein Vater war ein Gelehrter gewesen, hatte ihm aber nichts von seiner Gelehrtheit weitergegeben. Das Zurückhalten des Wissens des Vaters war geschehen, damit er seine eigene Geschichte schreiben konnte. Nun fühlte er sich verloren und ziellos. Es gab nicht viel woran er sich im Leben klammern konnte. Das was ihm halt bot, schien nichtig und eher unwichtig zu sein. Manchmal fühlte er sich wie ein Marienkäfer, der sich an einen Grashalm klammerte, um nicht vom starken Wind fortgeweht zu werden. In ihm breitete sich das Gefühl von Minderwertigkeit aus, denn er konnte nichts wirklich gut. Er war kein gebildeter Mensch wie sein Vater, denn er hatte nie gelernt sich anzustrengen. Nie wurde es von ihm verlangt. Stets konnte er tun und lassen wozu er Lust hatte. Nie hatte er sich längere Zeit für eine Sache wirklich begeistert. Er wechselte schnell seine Interessen und brachte nirgendwo besonders gute Leistungen. Verantwortung für sich selbst sollte er lernen und unabhängig sein, indem er seinem Gefühl folgte. Bedeutete dies letztendlich, dass er nun selbst für sein Elend verantwortlich war? Irgendwo tief in seinem Inneren wusste er, dass dies falsch war. Dass seine Eltern ihm weiß machen wollten, er hätte stets selbst entscheiden können, Verbote habe es nicht gegeben, er habe keinen Grund ihnen etwas vorzuwerfen. Sie waren damit fein raus, hatten ihren Part erfüllt, sich die Hände rein gewaschen. Dennoch spürte er einen Mangel, als hätte besonders der männliche Elternteil ihm etwas verwehrt. Was konnte es sein, das er vermisste, was ihn nun so missmutig stimmte?


Fortsetzung:  
 
Das Unmögliche II 

Das Unmögliche III 

Mittwoch, 22. Mai 2019

Gehemmte Aggression trifft auf geformtes Geltungststreben

 
Quelle: Wikimedia commons, Ausstellung Wonderland im Bundestag.

Was offen und freundlich erscheint, ist es oft garnicht, wenn man an die Motive Erwachsener denkt. Nur weil diese Aggressionen leiser sind, fallen sie weniger auf. Doch ist eine Unfähigkeit zu lauter Aggression möglicherweise von viel größerer negativer Wichtigkeit als lautes Poltern?

So kann eine Handlung voll hasserfüllter Aggression stecken, obwohl vordergründig etwas anderes zur Schau gestellt wird. Hier handelt es sich um gehemmte Aggression, da sie sonst mit der Realität zusammenstoßen würde. Was unterscheidet den in dieser Weise gehemmten Menschen von dem, dessen Geltungsstreben nicht verkümmert oder gar gebrochen ist? Was dem in dieser Hinsicht gehemmten Erwachsenen fehlt ist das feine Geltungsstreben, die gezügelte und geformte Aggression. Die ist notwendig, um zu bestehen, wo äussere Einflüsse das Selbstwertgefühl und ein gesundes Bedürfnis nach Anerkennung unter den Menschen zu untergraben versuchen.

Sonntag, 10. März 2019

Lufterfrischer

Henkeltopf mit Rosmarin
Blattgold Dr.Becker ®

Im Mittelalter standen Topfpflanzen im Sommer vor der Tür. Die irdenen Töpfe waren mit Henkeln versehen, um sie bei Bedarf ins Zimmer bringen zu können. Der Duft der Pflanzen stand dabei im Vordergrund. Maiglöckchen, Lilien, Veilchen, Nelken, Narzissen machten den Gestank der Latrinen und den Muff feuchter Räume erträglicher. Thymian, Lavendel wie auch Rosmarin waren ebenfalls beliebte Lufterfrischer. Mit Gewürznelken gespickte Zitrusfrüchte aus Zimmerzucht übertünchten im elisabethanischen England die Körperausdünstungen wohlhabender Bürger. Im 18. und 19. Jahrhundert war die Duftresede (Reseda odorata) eine der populärsten Duftpflanzen in Londoner Salons, die in speziell gestalteten Blumentöpfen zu üppigen Bouquetes arrangiert wurden. 


Duftresede (Reseda odorata). Quelle Wikimedia commons.


Gesehen am 10.03.2019 in:
Ausstellung im Botanischen Museum Berlin
vom 07.12.2018 bis 02.06.2019.
Quelle: BGBM, Museum.

Samstag, 9. März 2019

Moralzange

#Moralzange
Blattgold Dr.Becker ®


Das Kuriosum der Moralzange nimmt gesellschaftliche Phänomene nicht aus. Soziale Blutsauger und Leuteschinder, im Gewand von Aktivisten und Politikern daherkommend, bedienen sich der Hypermoral für eigene Ziele, um die Öffentlichkeit gefügig zu machen. Als ein Beispiel sei die deutsche Kollektivschuld genannt, unter die kein Schlussstrich gezogen wird. Mit der Moralzange „rechter Rethorik“ wird um sich gebissen, sobald es jemand wagt an das Ende der Kollektivschuld zu denken.

Schon blöd für die Moralprediger der Gegenwart, dass sich nicht jeder in die Moralzange nehmen lässt. Es ist ein Kraut gegen Sittenprediger gewachsen - Überzeugtheit von sich selbst. Das Geschäft mit der Schuld läuft in vielen Fällen wie geschmiert und sie stehen mit weißer Weste da.


Jemanden in die Zange nehmen, ist eine deutsche Redewendung: „Die fest zupackende Zange war ein Arbeitsgerät des Schmieds, der damit das glühende Eisen festhielt, um es bearbeiten zu können. Von hier erklären sich also Ursprung und Gebrauch der Redewendung." Link zur Quelle

Die Beute in der Moralzange fühlt sich in der persönlichen Freiheit eingeengt, weil sie es erstrebenswert findet äußeren Anforderungen gerecht zu werden. Statt fremde Moralvorstellungen sowie quälende Forderungen der Tugendbolde, aus dem Fenster zu werfen, werden sie von dem Eingezwängten schleunigst in die dunkle Hinterkammer gesteckt, damit die persönliche Moraltapete unversehrt bleibt. Dieser Umgang mit Forderungen anderer ist bedenklich, da die moralischen Postulate sich als schlechtes Gewissen melden. Die Postulate sind nicht tugendhaft, sie erscheinen dem Gutmenschen nützlich, der doch selber nur ein Lump ist. Es ist für die Sittenwächter leicht mit der Moralzange durch Forderungen und Vorwürfe ein schlechtes Gewissen und Selbstzweifel bei anderen zu erzeugen, um den eigenen Willen zu erzwingen. Mit der Moralzange können die Gauner von ihren Opfern Vorteile für sich eintreiben. Das kann beispielsweise die Bestätigung des eigenen geringen Selbstwertes sein, indem sie andere für sich machen lassen und dies Liebe nennen. Ausbeutung anderer ist keine Liebe, sondern Freveltat.

Mit der Moralzange hat der Moralapostel Macht über den armen Sünder und kann ihn zu Dingen zwingen, welche dieser nicht möchte. Um des lieben Friedens Willen handelt der Büßer gegen seine innere Stimme, um in den Augen des Tugendwächters Milde zu finden. Der Missetäter kann sich durch Gefälligkeit nicht aus der Moralzange befreien. Je zuvorkommender der Schuldige handelt, desto fester packt die Moralzange zu. Der Moralprediger hat sein Opfer eiskalt im Griff. 


Wie kann der Mensch im Bußgewand das Cilicium ablegen? Gunstbeweise für den Moralisten helfen nicht. Nur wenn der Eingeklemmte darauf hört, was er für sich für richtig hält, kann der teuflische Griff der Moralzange gelöst werden.

Freitag, 8. März 2019

Moraltapete

 
#Moraltapete
Blattgold Dr.Becker ®


Die Seele ist eine Zweizimmerwohnung: Das Vorderzimmer besitzt ein zur Straße gelegenes Fenster, wodurch es erhellt wird. Das Vorderzimmer ist das Bewusstsein. Es ist mit einer empfindlichen Tapete, der Moral, ausgekleidet.
Daran schließt sich ein lichtloses Hinterzimmer an, das Unterbewusstsein.
Das tägliche Leben spielt sich in dem Vorderzimmer ab, in dem alles ordnungsgemäß zugehen soll. Wenn es hier zu Vorgängen kommt, die um die Sauberhaltung der Moraltapete fürchten lassen, werden sie in das Hinterzimmer verbannt.
Hinausgewiesene Erlebnisstücke sind mit Energie beladen. Es ist verständlich, dass in der Verdrängungskammer eine gefährliche Atmosphäre um sich greift, weil sich dynamische Inhalte zu solcher Spannung steigern, dass es zu Entladungen in das Vorderzimmer kommen muss. Der  miteinander verbundene Pulk der Verdrängungen und Aussperrungen meldet sich mit Spuk und Schelmerei an. Es ist der Schwall der anstößigen Unmoral, der sich anmeldet und damit beweist, dass mit ihm nicht abgeschlossen ist.
Im erhellten Zimmer erwacht zwischenzeitig die Angst vor der Verunreinigung der Moraltapete durch das Phantom aus der dunklen Kammer.