Sonntag, 26. Februar 2012

Von der beseelten Heilpflanze zum Phytopharmakon

In der Betrachtung der Vergangenheit zeigen sich oft die Schlüssel zu wirksamen Methoden, die auch in der Gegenwart hilfreich sein können. Die Pflanzenheilkunde hat bis heute überdauert, in einer der Gegenwartskultur angepassten Form als Phytoparmakon, im Kern aber unverändert. Die Pflanzenheilkunde mit den ätherischen Ölen, Kräutertees und Kräuterpflastern ist immer noch lebendig, weil sie wirksam ist, sonst wäre sie längst von den Erfahrungen der fortschreitenden Zeit erdrückt worden. Pflanzen waren die erste Form der Medizin, welche Menschen zur Verfügung stand. Dies legt doch nahe, sich dem alten Wissen mit der gebührenden Wertschätzung zu nähern.


  Schamane


Die Wahrnehmung der Heilpflanzen wurde in einem natürlichen, lang andauernden Prozess geformt. Nach und nach sind ganz unterschiedliche Wege des Denkens entstanden. Vom archaischen entwickelte sich das Denken zum magischen. In der Vorstellung der Menschen besassen Heilpflanzen einst Zauberkräfte und so sprach man ehrfurchtsvoll von ihnen als Zauberpflanzen.

Die heutige Verwendung des Begriffes „Heilpflanze“ ist mit traditionellen Vorstellungen nicht unbedingt vereinbar. Der Begriff „Heilkraut“ wird über den Verwendungszweck in Kultur und Bräuchen gedeutet. In früheren Zeiten musste eine Pflanze, um als ein Heilkraut zu gelten, nur zu Heilzwecken verwendet werden. Sie musste jedoch nicht weitere Auflagen im Sinne des Arzneimittelrechts erfüllen. Ein Heilkraut das seinen Zweck erfüllte, war im früheren Sinne allein dadurch eine Arznei. Heutige Phytopharmaka unterliegen dagegen dem §105 des AMG: Die Anforderungen an Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit entsprechen prinzipiell denen an chemisch definierten Arzneimittel.

Im Jahr 1737 wurden die Heilkräuter noch folgendermassen definiert: „Die Herbas medicamentosas, das sind solche Kräuter, die zur Arznei dienlich seien als Agley, Cardobenedicten, Leber-Kraut und dergleichen.“   Andere Definitionen aus dem Jahr 1877 lauten: „Heilkraut, im allgemeinen Sinne Kraut mit Heilkräften“

Im Deutschen Wörterbuch von GRIMM von 1873 findet sich auch die Aussage: „Die zahllosen nutzbaren Feld- und Waldkräuter, deren Kenntniss der alten Zeit so gegenwärtig war, werden von der alten Sprache teils mit –kraut, teils mit – wurzel benannt, je nachdem ob das Kraut oder die Wurzel das Dienliche war.“  

Zwischen 1980 und 1994 wurde eine große Anzahl traditioneller Heilpflanzen von der Kommission E wegen einer unzureichenden wissenschaftlichen Datenlage aufgrund nicht ausreichendem, wissenschaftlichen Erkenntnismaterial oder wegen des Verdachtes auf Schädlichkeit oder Unwirksamkeit negativ monographiert. Sie werden seither nicht mehr als Heilpflanzen anerkannt und gerieten infolgedessen einschließlich ihrer Anwendungsbereiche weitgehend in Vergessenheit.

Der Gesetzgeber (§ 3, Abs. 2, AMG 1976, BRD) definiert pflanzliche Arzneimittel als Pflanzen, Pflanzenteile in bearbeitetem und unbearbeitetem Zustand, die dazu bestimmt sind, Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder krankhafte Beschwerden zu heilen, zu lindern, zu verhüten oder zu erkennen.


 
         Pygmäen-Schamane

Heutzutage werden traditionelle Heilpflanzen nicht Phytopharmaka im Sinne des deutschen Arzneimittelgesetzes (AMG), sondern Nahrungsergänzungsmittel genannt, dies betrifft beispielsweise viele Gewürze, die früher Apothekerwaren gewesen sind und an deren gesundheitsförderlichen Wirkungen sich durch Gesetze, Regelungen, Normen und Definitionen nichts geändert hat. Sie sind so heilkräftig wie eh und je geblieben, während die Welt um sie herum sich gewaltig verändert hat.

In der modernen wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff Heilpflanze kaum noch verwendet. Man verwendet die Begriffe pflanzliches Arzneimittel oder Phytopharmakon. Man gebraucht diese Wörter zur Unterscheidung von den synthetisch hergestellten Arzneimitteln, nicht aber, um damit ein völlig anderes Therapieprinzip auszudrücken. Dabei steht hinter dem uralten Gebrauch von Heilpflanzen ein altes, in Vergessenheit geratenes Therapieprinzip, welches den Menschen in seiner Ganzheit begreift.

Die Navajo zum Beispiel bezeichnen mit dem Wort „Hosho“ gleichzeitig Gesundheit, Wahrheit, Balance, Harmonie und Großer Geist. „Hosho“ formt die Weltsicht in einer dem rationalen Geist des Westens völlig entgegengesetzen Weise: Gesundheit ist nicht einfach Abwesenheit von Krankheit, sondern Ausdruck von Einklang mit sich und der Welt, von Wahrheit und Lüge, von Harmonie mit den Menschen und Dingen. Das ist eine Sichtweise, aus der sich vollkommen andere Schlussfolgerungen über die Entstehung von Krankheiten und ihre Heilung ergeben. Auch die Menschen unserer Kultur lassen sich durch diese Vielschichtigkeit berühren, denn es fußt im Denken unserer Vorfahren.

Die Auffassung einen Menschen als gesund zu bezeichnen, wenn die innere Harmonie stimmt, erinnert an den Begriff des psychosomatischen Netzwerks, den die Neurowissenschaftlerin Candace Pert prägte. Das psychosomatische Netzwerk bezeichnet die unendlich verzweigten Verbindungen aller Körperzellen, der Organe, der Drüsen und des Immunsystems miteinander. Es hält sie in ständiger Kommunikation und den Körper im Gleichgewicht.

Bevor die Menschen anfingen die Welt rational zu betrachten waren Heilpflanzen keine emotional neutralen Gegenstände wie Phytopharmaka. Pflanzen wurden in früheren Zeiten so betrachtet, als seien sie von heilenden Kräften beseelt. Dies kommt der Vorstellung von „Pflanzendevas“ sehr nahe.

In einem langen Prozess von der griechischen Antike bis heute bildete sich nach und nach das rationale Bewusstsein als vorherrschender Zustand des Geistes heraus. Der rationale Wachbewusstseinszustand gilt heute in unserer Kultur als normal, ein abweichender Bewusstseinszustand als zumindest nicht wünschenswert. Aber die Wahrnehmung ist keineswegs ein objektiver Vorgang. Wir sehen vor allem das was wir erwarten. Die moderne, analytisch-rational orientierte Sichtweise und streng an Leitlinien orientierte Phytotherapie kann deshalb nicht allen Aspekten der Pfanzenheilkunde gerecht werden.

Mit der Brille der modernen Medizin wird heute auf die Heilpflanzen geschaut. Sie werden in ihre Bestandteil wie ätherische Öle, Gerbstoffe, Flavonoide zerlegt und analysiert. Es wird verlorenes Wissen wiederentdeckt, das den Menschen damals in schweren Seiten beiseite gestanden hat, als man noch keine Spektralanalyse verwendete sondern nur den gesunden Menschenverstand einsetzte. Und es kann auch gar nicht anders sein, als dass sich plötzlich die heilsamen Effekte mancher Kräuter und Blumen naturwissenschaftlich bestätigen, die schon vor Jahrtausenden bekannt gewesen sind.

Quellen:
Faulstich, J. Die macht der Worte – Zauber, Gebet, Suggestion. Suggestionen – Forum der deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie. Ausgabe 2011. S.10

Genaust, Helmut. Ethymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. S.16. Dritte, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Birkhäuser Verlag. Basel – Boston – Berlin, 1996.

Hildebrand, Rudolf. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Fünfter Bd. Bearbeitet von Dr. Rudolf Hildebrand. S.2106-2107. Verlag von S. Hirzel, Leipzig,  1873.

Zedler, Johann Heinrich. Grosses Vollständiges Universal-Lexikon. Bd 15, S.1790. Verlegts Johann Heinrich

Zedler, Halle und Leipzig, Anno 1737. 2. vollständiger photomechanischer Nachdruck durch die Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz/ Austria, 1995.

Heyne, Moriz. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Vierten Bandes Zweite Abtheilung H. I. J. K. Bearbeitet von Moriz Heyne. S.846-847. Verlag von S. Hirzel, Leipzig, 1877.

Der Grosse Brockhaus – Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden. Fünfzehnte völlig neu bearb. Auflage von Brockhaus´ Konversations-Lexikon. Erster Band. F. U. Brockhaus/ Leipzig, 1928.

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