Freitag, 9. März 2012

Geschmack und Sinneseindrücke von Heilpflanzen

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde die Wahrnehmung, die mit herkömmlichen Medikamenten assoziiert wird oft diskutiert. In den letzten Jahren haben sich diverse Wissenschaftler viel mit der Wahrnehmung, die mit herkömmlichen Medikamenten assoziiert ist, befasst. 

Als Generikum wird ein Arzneimittel bezeichnet, wenn es eine wirkstoffgleiche Kopie eines bereits unter einem Markennamen auf dem Markt befindlichen Medikaments ist. Ein Generikum ist preisgünstiger als das Original, weshalb Patienten im Krankenhaus oft das günstigere Generikum erhalten. Das führt dann zur Verwirrung beim Patienten, weil er annimmt nicht die richtige Arznei gestellt zu bekommen.

Inzwischen werben viele Medikamentenhersteller deshalb damit, dass Ihre Generika-Präparate eine leichte Umstellung durch identische Tablettenoptik zum Erstanbieter aufweisen, sie werben mit ähnlichem Aussehen zum Originalpräparat.
Viele Patienten präsentieren bei der Frage nach ihren Medikamenten eine Sammlung verschiedenfarbiger Tabletten und Kapseln, von denen sie nicht überblicken, wogegen sie helfen sollen.[A] Ab fünf Tabletten täglich nimmt die Mitarbeit von Patienten (Compliance) signifikant ab.


Pillen-Box

Spielt die Wahrnehmung auch eine Rolle bei pflanzlichen Medikamenten? Es gibt nur wenige Studien über den Zusammenhang zwischen Sinneseindrücken wie Aussehen, Geruch oder Geschmack und der medizinischen Wahrnehmungen von Heilpflanzen. Das Interesse medizinischer Ethnobotaniker hat sich in der jüngsten Zeit, neben der Dokumentation und Auswertung von traditionell verwendeten Heilpflanzen, zu einem besseren Verständnis der Nutzung von Heilpflanzen verschoben. Dabei spielt die medizinische Wahrnehmung von pflanzlichen Stoffen in menschlichen Gesellschaften eine bedeutende Rolle.

Es ist sehr spannend den Wahrnehmungen unserer Vorfahren auf den Grund zu gehen, die bei der Auswahl und Unterscheidung von Heilpflanzen dazu geführt haben diese als Medikamente bzw. medizinische Lebensmitteln zu betrachten und wie der Einsatz von Heilpflanzen sich verändert und weiterentwickelt hat, vor allem nach Bevölkerungsverschiebungen und Migration.

 
Interaktionen mit der Umwelt werden durch die Sinne vermittelt. Das Gefühl bei der Heilpflanzentherapie ist ein noch wenig beachtetes Phänomen. Bei der Wahrnehmung von Heilpflanzen kommt ein komplexes Geflecht von kulturellen und ökologischen Faktoren zum Vorschein. Die Auswahl der Heilpflanzen erfolgt nicht nur rational, sondern auch gefühlsmäßig und abhängig von der Kultur – Die Natur ist dabei das Bindeglied und verbindet medizinische Ideen mit natürlichen Materialien[1]
Für eine Studie über die Rolle des Geschmacks bei der Wahrnehmung von Heilpflanzen wurden Zimt (die getrocknete Rinde von Cinnamomum verum, Lauraceae), Minze (die Blätter von Mentha spp., Lamiaceae), Knoblauch (die Zwiebeln von Allium sativum, Alliaceae), Ingwer (der Wurzelstock von Zingiber officinale, Zingiberaceae), und Nelken (die getrockneten Blütenknospen von Syzygium aromaticum, Myrtaceae) getestet.[2]

Es konnten für die Beschreibung der Geschmackswahrnehmung die Ausdrücke "bitter", "süß", "salzig", "sauer", "würzig" , und "fad" benutzt werden. Der Begriff "heiß" wurde nicht berücksichtigt, weil es in vielen Fällen als Synonym für "spicy" (würzig) verwendet wurde. Zudem konnten die Teilnehmer auch alle anderen Eindrücke, die sie während der Verkostung der Heilpflanzen hatten, äußern. Diese Ergebnisse flossen zusammen in die Auswertung ein.

Angesichts eines bemerkenswert hohen Anteils der südasiatischen Bevölkerung im westlichen Yorkshire Bradford wählte man Einwohner dieser Stadt aus, um interkulturelle Gesundheitsansichten über Heilpflanzen zu untersuchen. Die Teilnehmer der Studie waren in Großbritannien lebende Kaschmiris, Gujaratis und Briten.

Kaschmir
ist ein ehemaliger Fürstenstaat im Himalaya, der heute von Indien, Pakistan und der VR China gleichermaßen beansprucht wird. Kaschmir blieb nach der Teilung Britisch-Indiens zunächst unabhängig, wurde aber bald zu einer militärischen Konfliktregion.[3] Gujarat ist einer der vielen Staaten in Indien. Der Staat hat eine gemeinsame Grenze mit Pakistan am nordwestlichen Rand. Es ist am nördlichen Ende der Westküste Indiens gelegen.[4]

Die wichtigsten interkulturellen Unterschiede bei der Wahrnehmung des Geschmacks von Heilpflanzen waren die Wahrnehmung des würzigen Geschmacks von Ingwer, Knoblauch und Zimt, des bitteren Geschmacks von Ingwer, des süßen Geschmacks von Minze, und des sauren Geschmacks des Knoblauchs.



Kaschmiris
Die Tatsache, dass mehr Kaschmiris die medizinischen Eigenschaften von Heilpflanzen stärker wahrnehmen können, kann durch die in Indien überall praktizierte Gesundheitslehre über Heilpflanzen (Ayurveda) erklärt werden. Von Kaschmiris wird Ingwer häufig als hilfreich für die Heilung von Infektionen und Muskel-Skelett-Erkrankungen sowie Verdauungsstörungen eingestuft, Minze wird für die Heilung von Verdauungs-und Atembeschwerden, Knoblauch für Erkrankungen des Blutes gewählt und Zimt wird als wirksam bei Infektionskrankheiten wahrgenommen. Traditionelles Wissen über Heilpflanzen ist unter den Kaschmiris weit verbreitet, aber nicht so weit verbreitet unter den Gujarati und vor allem nicht bei Engländern.

Unter den Gujaratis und Kashmiris gab es Hinweise auf eine starke Verbindung zwischen dem bitteren und pikanten Geschmack von Ingwer, Knoblauch, Nelken und Zimt und ihren wahrgenommen medizinischen Eigenschaften, während es eine weit weniger offensichtliche Verbindung zwischen dem süßen Geschmack von Minze und Zimt und ihren medizinischen Eigenschaften gab, obwohl bei einigen Mitgliedern der Gujarati auch hier die Wahrnehmung der Heilpflanzen als heilkräftig existierte.

Insgesamt hatten der Kaschmiris die Nase vorn bei der Wahrnehmung der fünf Heilpflanzen in medizinischem Zusammenhang. Die englischen Teilnehmer hatten die niedrigste Wahrnehmung für die medizinische Verwendung der vorgestellten Heilpflanzen.


Britische Familie um 1925

Das Fehlen eines klaren Zusammenhangs zwischen Geschmack und medizinischer Erkenntnisse bei der englischen Gruppe kann möglicherweise durch die geringen Kenntnisse über die medizinischen Eigenschaften von Heilpflanzen erklärt werden. Es waren lediglich 
Beziehungen zwischen süß und der medizinischen Wahrnehmung für Minze und Zimt bei Engländern vorhanden. 
Zimt-Minz-Bonbons


Die Einbeziehung der englischen Gruppe erlaubt einen interessanten Vergleich zwischen Migranten und einheimischen Gemeinschaften. Es konnte insbesondere die Erosion des traditionellen Wissens über Arzneimittel und Heilpflanzen innerhalb der englischen Gruppe hervorgehoben werden.

Die Verbindungen zwischen Geschmack, Sinneseindrücken und medizinischer Anwendung von Heilpflanzen ist ein bio-kulturelles Phänomen. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung einer Heilpflanze als solche ist ein Teil gesunder, menschlicher Lebensvorgänge und wahrscheinlich tief, auf verschiedenen Ebenen des Bewusstseins, verankert. 
Individuelle und kollektive Erfahrungen und die Kulturgeschichte der Heilpflanzen können auch erklären, warum Süd-Asiaten (Kaschmiris und Gujaratis) häufiger Ingwer, Knoblauch, Nelken und Zimt, bitteren und würzigen Geschmack als medizinischen wahrnehmen. Dieses Wissen wird durch individuelle Erfahrungen und die Kultur geprägt, daher können die Gedankenverknüpfungen die beim Schmecken eines Gewürzes entstehen bei unterschiedlichen Kulturen, wie der indischen im Vergleich mit der englischen Kultur, verschieden geformt sein. 

Der kulturelle Hintergrund spielt eine wichtige Rolle dabei, ob Heilpflanzen als medizinisch wahrgenommen werden oder nicht. Abhängig von einer lebendig gehaltenen, traditionellen Heilkunde innerhalb einer Kultur, ist die Fähigkeit besser ausgeprägt Heilpflanzen als medizinisch wahrzunehmen.


 


[A] Rottlaender D, Scherner M, Schneider T, Erdmann E: Multimedikation, Compliance und Zusatzmedikation bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen. Deutsche Medizinische Wochenschrift 2007; 132: 139–44. CrossRef MEDLINE
[1] Shepard GH. A sensory ecology of illness and therapy in two Amazonian societies. American Anthropologist. 2004;106:252–266. doi: 10.1525/aa.2004.106.2.252.
[2] Andrea Pieroni and Bren Torry. Does the taste matter? Taste and medicinal perceptions associated with five selected herbal drugs among three ethnic groups in West Yorkshire, Northern England. J Ethnobiol Ethnomedicine. 2007; 3: 21. Published online 2007 May 3.
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Kaschmir
[4] http://www.gujarat-tourism.net/Gujarat-Reisen/Gujarat_Information.htm

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