Freitag, 2. März 2012

Juckreiz natürlich behandeln - Teil 1 Kampfer

Juckreiz (Pruritus, Hautjucken) ist ein häufig auftretendes, schwer therapierbares Symptom. Juckreiz tritt bei zahlreichen Hauterkrankungen oder bei Erkrankungen innerer Organe auf. Das Auftreten ist aber auch ohne sichtbare Ursache (Pruritus sine materia) oder als psychosomatische Erkrankung möglich. Häufig wird Juckreiz von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich empfunden als prickelnd, stechend, brennend oder beißend. Er wird je reflexartig mit quetschen, kratzen, reiben oder scheuern beantwortet.

Juckreiz

Juckreiz ist das am häufigsten beklagte Symptom in der Dermatologie und dennoch existieren bis heute nur wenige, verlässliche wissenschaftliche Untersuchungen. So weiß man mittlerweile, dass es sich bei den Nervenfasern, die den Juckreiz leiten, um freie, unmyelinisierte Nervenendigungen handelt. Die aufgenommenen Informationen werden mit den Signalen für Schmerz und thermische Empfindungen an das Gehirn fortgeleitet. Über die Verarbeitung im Gehirn existieren aktuell divergierende Informationen. So scheinen Schmerz und Juckreiz dieselben Wege zu benutzen.
Bei einer reizenden Kontaktdermatitis bezieht sich das vorherrschende Symptom des Ekzems auf die juckenden Symptome, die oft vernachlässigt werden. Bei Patienten die von einer Dermatitis betroffen sind, ist die Anwendung von Mitteln die speziell auf die Nervenendigungen in der Haut wirken oft vorteilhaft. Neben der Vermeidung auslösender Faktoren sind Mittel wie Kampfer und Menthol äußerst wertvoll beim Lindern des Juckreizes. Tatsächlich ist ein Anti-Juckreiz Agens von Vorteil, für den Großteil der Patienten mit Kontaktdermatitis.

Bisher gibt es noch kein Medikament gegen Juckreiz mit durchschlagendem Erfolg, dessen Wirksamkeit mit der des Aspirin in der Schmerztherapie gleichzusetzen wäre. Daher muss die Therapie individuell in Abhängigkeit von Patient und Erkrankung zusammengestellt werden.
Allgemeine Ratschäge zum Verhalten bei Juckreiz sind:
•    Meidung von Stress und Angst und Teilnahme an einer Entspannungstherapie.
•    Tragen bequemer Kleidung (Baumwollkleidung)
•    Vermeiden extrem temperierter Bäder. Besser sind warmes Wasser oder kurzes Abduschen ohne austrocknende Seifen.
•    Unterbrechung des Juckreiz-Kratz-Kreislaufs z.B. kalten Waschlappen auflegen, leichten Druck ausüben.
•    Maßvolle körperliche Aktivität.
•    Meidung von Kontakt mit Staub und Hausstaubmilben.
•    Meiden von heißen Speisen, Getränken oder anderen heißen Flüssigkeiten.
•    Regelmäßige Feuchtigkeitspflege der Haut mit Basispflegeprodukten (Basodexan, Optiderm) entsprechend der individuellen Verträglichkeit (reichhaltige Pflegecremes zur Nacht, Cremes für den Tag).
Zur individuell angepassten Hautpflege werden eine Reihe chemisch-synthetischer Substanzen von schulmedizinisch orientierten Hautärzten eingesetzt, dazu gehören Lokalanästhetika (z.B. Optiderm, Lidocain-Gel), Antihistaminika (z.B. Diphenhydramin, Dimetinden, Promethazin), Glukokortikoide, Kühlende Schüttelmixturen (z.B. ethanolische Zinkoxidschüttelmixtur NRF), immunsuppressive Medikamente (Tacrolimus, Pimecrolimus, Crotamiton). 
Jedoch stehen auch diverse Naturprrodukte zur Verfügung wie Kampfer, Menthol, Capsaicin und Cannabinoid-Agonisten. Kampfer und Menthol sind Bestandteile ätherischer Öl. Die juckreizstillenden Naturstoffe werden folgend vorgestellt.

Kampferbaum


Ätherisches Öl vom Kampferbaum 
(lateineisch: Cinnamomum camphora, englisch: camphor, Hindi: kapur, Sanskrit: karpurah)

Der Kampferbaum gehört zu Pflanzenfamilie der Lauraceae-Lorbeergewächse. Er ist in der Vegetation von China, Taiwan, Japan und Indien heimisch. In Indien werden Zubereitungen des Kampferbaumes seit langem in der traditionellen Ayurvedischen Medizin gegen eine Vielzahl von Beschwerden verschrieben.  

Aus dem Holz der 50-60 Jahre alten Bäume wird kristallines Kampfer sowie ätherisches Öl von Kampfer aus dem zerkleinerten Holz und der Wurzel durch Wasserdampfdestillation gewonnen. Beim allgemein erhältlichen ätherischen Öl von Kampfer handelt es sich um die erste Fraktion, den so genannten weißen Kampfer. Der Kampfer scheidet sich bei Zimmertemperatur in kristalliner Form aus dem ätherischen Öl als fester Bestandteil ab. Durch Wasserdampfdestillation wird aus den Blättern des Kampferbaums auch das ätherische Ho-Blätteröl gewonnen. Aus den Blättern des Madagassischen Kampferbaums stammt das ätherische Öl mit dem Namen Ravintsara. In modernen Arzneimitteln wird naturreines, ätherisches Öl von Kampfer heute zunehmend durch synthetisch hergestellten Kampfer ersetzt.

Der Duftbereich des ätherischen Öls von Kampfer entspricht der Kopfnote. Bei der Destillation des Kampferholzes gewonnenes ätherisches Öl von Kampfer duftet intensiv klar, frisch, medizinisch und eukalyptusartig. Das Duftthema von Kampfer ist psychisch erfrischend, klärend, konzentrationsfördernd und anregend. Im Gegensatz zum ätherischen Öl von Kampfer wirkt das ätherische Öl der Ho-Blätter nicht anregend, sondern durch seinen hohen Linaloolgehalt stark beruhigend auf die Psyche und auf die Haut.

Eine Untersuchung über die entzündungshemmende Wirkung am chinesischen Institut Materia Medica in Beijing beobachtete die entzündungshemmende Wirkung verschiedener Chemotypen des Kampferbaumes. Die verschiedenen Chemotypen des ätherischen Öls von Kampfer haben entzündungshemmende Wirkungen an Versuchsmodellen bei Ratten mit entzündlichen Gelenkerkrankungen gezeigt. Die Studie präsentiert die klinische Heilwirkungen der Heilpflanze bei Entzündungen und weist ausserdem darauf hin, dass bei der klinischen Anwendung die Chemotypen des ätherischen Öls von Kampfer beachtet werden sollten.

In dem ätherischen Öl der Blätter von Lauraceae Arten aus dem Himalaya ist eine Fülle an verschiedenen Terpenoiden enthalten. Die Terpenoid Kompositionen der Blätter der Lauraceae Arten, Cinnamomum camphora und Cinnamomum tamala enthalten in großer Menge Kampfer und Zimtaldehyd. Zimtaldehyd gehört zu den Aromaten und kommt auch natürlich im ätherischem Öl von Zimtrinde vor, das durch Wasserdampfdestillation der Rinde des Zimtbaums gewonnen wird. Zimtaldehyd wird als Riechstoff in der Parfümherstellung bei der Komposition orientalischer Parfüms eingesetzt. In reiner Form besitzt Zimtaldehyd Eigenschaften die bei sensibler Haut zu allergischen Reaktionen führen können.

Auf der Haut wirkt ätherisches Öl von Kampfer durchblutungssteigernd und leicht lokalanästhetisch, juckreizstillend und antiseptisch, deshalb kann es gut bei Juckreiz angewendet werden. Die Normkonzentration in Salben, Cremes und Emulsionen beträgt 0,3-20%. Fertigpräparate die Kampfer enthalten sind Camphoderm und Vaopin Kühlgel. 

Ätherisches Öl von Kampfer 20% (nach dem Deutschen Arzneimittel-Codex)  wird in Apotheken aus 20 Teilen Kampfer auf 100 Teile Mittelkettige Triglyzeride hergestellt. Zur äußerlichen Anwendung kann dieses 20%-ige Kampferöl bei Juckreiz mehrmals pro Tag auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen werden. Doch Vorsicht bei kleinen Hautwunden, denn es brennt auf offenen Stellen! Auch im Ayurveda wird Kampfer äusserlich mit Öl gemischt bei Gelenkentzündungen, Schmerzen und Bronchitis eingerieben. Es sollte binnen von sechs Monaten aufgebraucht werden.

In der modernen westlichen Medizin wird Kampfer überwiegend in Zubereitungen zur äusserlichen Einreibung bei rheumatischen Erkrankungen, Nerven- und Muskelschmerzen, Prellungen und Hexenschuss in Form von kampferhaltigen Salben (Camphersalbe Helv VII, Hyperämisierende Salbe NFR 1.2), Campher-Spiritus (10 %) oder Ölen (z. B. Campheröl DAC 1986) angewendet.

Kampfer hat nachgewiesenermaßen entzündungshemmende Mechanismen, denn es blockiert die Produktion von zahlreichen Entzündungsmediatoren wie Interleukine (IL-1, IL-6), Tumornekrosefaktor (TNF-α aus RAW 264.7-Zellen), Stickstoffmonoxis (NO), Prostaglandinproduktion (PGE2 Produktion in lipopolysaccharaiden (LPS)) und Interferon ((IFN)-γ-aktivierten Makrophagen).

Ätherisches Öl von Kampfer wirkt auf die Atemwege schleim- und krampflösend als Bestandteil von Erkältungssalben stimulierend. Tiger Balm (englisch für „Tiger-Balsam“) ist der Markenname einer Salbe zum Einreiben bei Erkältungskrankheiten, Insektenstichen oder auch Schmerzen an Muskeln und Gelenken. Sie wurde in den 1870er Jahren von dem chinesischen Drogisten Aw Chu Kin entwickelt. Das weisse Tigerbalm enthält Menthol, Kampfer, Cajeputöl, andere ätherische Öle sowie Vaseline. Daneben ist eine rotfarbige Version erhältlich, die zusätzlich chinesisches Zimtöl enthält. Die weiße Variante wirkt kühlend und eignet sich so z. B. zur Schmerzlinderung nach Mückenstichen und bei Atemwegsinfekten. Das rote Tigerbalm wirkt wärmend und eignet sich damit z. B. zur Verwendung bei Verspannungen. 

Das ätherische Öl der Patschulipflanze wird wegen seiner hautpflegenden Eigenschaften geschätzt. Durch den hohen Anteil an Sesquiterpenen und Sesquiterpenolen wirkt es hautregenerierend z.B. bei juckenden Exzemen. Quelle

Patschulipflanze (Pogostemon cablin)  Blattgold Dr.Becker ®


In einer Studie Zur Beurteilung der Wirksamkeit von Tiger Balm bei der Behandlung von akuten Spannungskopfschmerzen wurden entweder Tiger Balm, Placebo oder Paracetamol gegeben. Es gab einen statistisch signifikanten Unterschied (p <0,05) zu Gunsten von Tiger Balm bei der Erleichterung von Kopfschmerzen im Vergleich zwischen Tiger Balm und Placebo. Einen bezeichnenden Unterschied in der Wirkung zwischen Tiger Balm und dem Schmerzmittel Paracetamol gab es nicht. Tiger Balm kann demnach so lindernd wir die Einnahme von Paracetamol auf Kopfschmerzen wirken, ohne die gleichen organschädigenden Nebenwirkungen auf die Leber und die Nieren wie Paracetamol aufzuweisen.

Eine Besonderheit von Kampfer ist seine Wirkung als Mückenmittel. Das brasilianische National Institute für Amazonas Forschung beschäftigte sich mit asiatischen Patenten für Mückenschutz, die pflanzliche ätherische Öle enthalten. Stechmücken sind eine allgemeine Belästigung und verantwortlich für die Übertragung von wichtigen Tropenkrankheiten wie Malaria, Dengue-Fieber, Gelbfieber und Filariose (Elephantiasis). Eine Reihe pflanzlicher ätherischer Öle werden traditionell zur Abweisung von Mücken verwendet. Auch modere Mückenschutzmittel enthalten aus Pflanzen gewonnene ätherische Öle wie Kampfer sowie Citronella, Eukalyptus, Zimt, Nelke, Geranie, Lavendel, Zitrone, Zitronengras und Pfefferminze. Quellen der wissenschaftlichen Literatur liefern Beweise für die Mückenabweisung von vielen ätherischen Ölen und ihrer einzelnen chemischen Komponenten.

Ätherisches Öl von Kampfer besitzt noch weitere positive Eigenschaften wie die Anregung des Kreislaufes bei niedrigem Blutdruck. Mögliche Anwendungen sind beispielsweise auch Entzündungen im Mund- Rachenraumes, Beschwerden der Verdauungsorgane, der Harnwege, des Stoffwechsels und bei Infektionen.

Unerwünschte Wirkungen kommen vor. Diese erscheinen bei äusserlicher Anwendung  in Form von Hautreizungen, besonders bei der Anwendung auf vorgeschädigter Haut. Eine Überdosierung bei innerlicher Einnahme kann Magenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Ohnmacht und Krämpfe bewirken.

Bei einer Therapie mit Kampfer in der Schwangerschaft wird der Embryo grundsätzlich mitbehandelt. Dieser "zusätzliche" Patient zwingt zu besonders strenger Indikationsstellung. Der oberste Grundsatz bei der Therapie einer Schwangeren ist, dass einerseits die Gesundheit der Mutter wiederhergestellt wird und dass andererseits die Entwicklungsbedingungen für den Embryo nicht beeinträchtigt werden. Kampferöl ist im Allgemeinen gut verträglich in der Schwangerschaft. Es sollte aber nur genutzt werden, wenn die Anwendung einer nichtmedikamentösen Therapie überlegen ist. Kampfer ist in der Schwangerschaft für die äusserliche Anwendung erlaubt (nach Schaefer u. Spielmann)  Manche Quellen raten auch ganz von einer Anwendung in der Schwangerschaft ab.
Wie in dem Blogartikel „Nebenwirkungen ätherischer Öle“ Nebenwirkungen ätherischer Öle ausführlich anhand von tatsächlich eingetretenen, klinischen Fällen geschildert wird, ist ätherisches Öl von Kampfer unter keinen Umständen für Säuglinge geeignet. Bei Kleinkindern darf es auch in verdünnter Form nicht im Gesicht, speziell der Nase, aufgetragen werden, weil dies zur Erstickung führen kann. Auch bei gesunden Erwachsenen sollte es stets mit der notwendigen Vorsicht und so niedrig wie möglich dosiert eingesetzt werden.

Diese themenbezogenen Artikel könnten Sie interessieren: 

Juckreiz natürlich behandeln - Teil 2 Menthol

Juckreiz natürlich behandeln -Teil 3 Capsaicin und Cannabinoid-Agonisten

Verbesserung des atopischen Ekzems/ Neurodermitis durch Einnahme von Nachtkerzenöl


Atopisches Ekzem - Neurodermitis natürlich behandeln


Rezept für ein Nachtkerzenöl zur Hautpflege bei Neurodermitis


Video der Nachtkerze:








Quellen:
Burkhart CG, Burkhart HR. Contact irritant dermatitis and anti-pruritic agents: the need to address the itch. J Drugs Dermatol. 2003 Apr;2(2):143-6.
Aggarwal BB, Prasad S, Reuter S, Kannappan R, Yadev VR, Park B, Kim JH, Gupta SC, Phromnoi K, Sundaram C, Prasad S, Chaturvedi MM, Sung B. Identification of novel anti-inflammatory agents from Ayurvedic medicine for prevention of chronic diseases: "reverse pharmacology" and "bedside to bench" approach. Curr Drug Targets. 2011 Oct;12(11):1595-653.
Wabner, D. Beier, C. Aromatherapie -Grundlagen, Wirkprinzipien, Praxis. Urban & Fischer. 1. Auflage 2009.
http://de.wikipedia.org/wiki/Zimtaldehyd
http://pharm1.pharmazie.uni-greifswald.de/systematik/6_droge/camphora.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Tiger_Balm
Schattner P, Randerson D. Tiger Balm as a treatment of tension headache. A clinical trial in general practice. Aust Fam Physician. 1996 Feb;25(2):216, 218, 220 passim.
Pohlit AM, Lopes NP, Gama RA, Tadei WP, Neto VF. Patent literature on mosquito repellent inventions which contain plant essential oils-a review. Planta Med. 2011 Apr;77(6):598-617. Epub 2011 Feb 15.
P. Altmeyer: Enzyklopädie der Dermatologie, Venerologie, Allergologie, Umweltmedizin. http://www.enzyklopaedie-dermatologie.de/.Schwangerschaft.
Schrott, Ammon. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Springer Verlag 2012. 1. Auflage. S.194-195.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen