Freitag, 2. März 2012

Juckreiz natürlich behandeln -Teil 3 Capsaicin und Cannabinoid-Agonisten

Juckreiz ist das am häufigsten beklagte Symptom in der Dermatologie und dennoch existieren bis heute nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen über Juckreiz. So weiß man mittlerweile, dass es sich bei den Nervenfasern, die den Juckreiz leiten, um freie Nervenendigungen handelt, welche die aufgenommenen Informationen zusammen mit den Signalen für Schmerz- und Temperaturempfindungen an das Gehirn fortleiten. Neben chemisch-synthetischen Medikamenten stehen auch mild wirkende Naturprodukte zur Therapie von Juckreiz zur Auswahl. Bereits vorgestellt wurden Kampfer und Menthol, die Bestandteil ätherischer Öle sind. Weitere Mittel gegen Juckreiz, welche die Natur dem Menschen zur Verfügung stellt sind Capsaicin und Cannabinoid-Agonisten
 
Capsicum anuum

Capsaicin wird aus den Früchten und Samen des Cayennepfeffers/ Chili (Latein: Capsicum anuum L., Englisch: Spanish pepper, red pepper, Sanskrit: katuvirah, raktamaricah, Hindi: lalmirca) gewonnen. Cayennepfeffer gehört zur Pflanzenfamilie der Solanaceae. Die Inhaltsstoffe der Chilifrüchte sind 0,3-1% Capsaicinoide (darunter als Hauptkomponente das Capsaicin), Carotinoide, Flavonoide, fettes Öl. Capsaicin ist ein Alkaloid, das aus natürlichen roten Chilischoten extrahiert wird. Seine pharmakologische Wirkung beruht vor allem auf dem Abbau der Substanz P, einem Neurotransmitter für Schmerzrezeptoren. Capsaicin bindet spezifisch an sensible Hautnervenendigungen, bewirkt eine Freisetzung von Substanz P, gefolgt von der Hemmung der Synthese, Transport und Speicherung dieser Neurotransmitter. Die pharmakologische Wirkung entsteht also durch eine Stimulation von Schmerzfasern, die daraufhin desensibilisiert werden, was sowohl schmerz- als auch juckreizmindernd wirkt. Die erste Reaktion der haut auf Capsaicin ist Wärmegefühl, Schmerz und Rötung, klingt aber nach wenigen Stunden ab und der schmerz- und juckreizmindernde Effekt kann dann Stunden bis Wochen lang anhalten.



Calechutischer Pfeffer aus Leonhart Fuchs Kräuterbuch von 1543

Ursprünglich stammen Chilis von den West-Indies und dem tropischen Amerika. Inzwischen werden sie in den tropischen Regionen Indiens und in Nepal extensiv kultiviert. Der Ursprung aller Paprikasorten liegt Mittel- und Südamerika. Bei Ausgrabungen in einem Tal bei Tehuacán (Mexiko) konnten Belege gefunden werden, die beweisen, dass Paprikas bereits um 7000 v. Chr. als Nutzpflanzen dienten. Dabei handelte es sich noch um die Wildformen der Pflanzen. Christoph Kolumbus' Reisen ab 1492 hatten auch zum Ziel, das damalige Monopol Venedigs im Pfeffer- und Gewürzhandel zu brechen. Nachdem er – seiner Vermutung nach – in Indien landete, lernte er dort scharfe Früchte kennen, die von den Einwohnern zum Würzen von Speisen verwendet wurden. Zunächst wurden diese Früchte nach dem bereits aus Indien bekannten schwarzen Pfeffer Pimienta genannt. Noch heute sind Paprika auch unter dem Namen „Spanischer Pfeffer“ bekannt. 

Indianischer Pfeffer aus Leonhart Fuchs Kräuterbuch von 1543

Die Entdeckung des neuen Kontinents Amerika brachte schon bald eine große Anzahl an Varietäten der neuen Pflanze zum nach Europa. Durch den Kolonialismus dieser Zeit und den zunehmenden Welthandel breiteten sich Paprikasorten schnell in Afrika, im Nahen Osten und in Südostasien bis nach Japan aus. Sie wurde in vielen Ländern wie Indien und Thailand fester Bestandteil der heimischen Küche. Vorher waren dort unter anderem Ingwer und Pfeffer als scharfe Gewürze genutzt worden. Bereits die amerikanischen Ureinwohner nutzten Paprika als Heilmittel, unter anderem gegen Zahnschmerzen oder Arthrose. Teile dieser Techniken wurden nach der Entdeckung Amerikas auch von Europäern in die Volksmedizin übernommen. Der heute bekannteste Einsatz von Paprika in der Medizin ist das ABC-Pflaster, das bei rheumatischen Schmerzen eingesetzt wird. Die 1928 entwickelte Wirkstoffkombination enthält neben einem Extrakt aus Cayennepfeffer, Arnika- und Belladonna-Bestandteilen.


Capsaicin wirkt Juckreizstillend bei Pruritus, ausserdem schmerzstillend und entzündungshemmend, deshalb wird es zur äußeren Anwendung auch bei Arthrose, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Psoriasis vulgaris, diabetischer Polyneuropathie, Postzoster-Neuralgie eingesetzt. Die Wirksamkeit von Capsaicin bei schmerzhaften Erkrankungen der Haut ist in der westlichen Medizin allgemein anerkannt. Es ist für eine sichere und effektive, ergänzende Schmerztherapie bei der Behandlung rheumatoider Arthritis, Osteoarthritis, Neuralgien und diabetischer Neuropathie zugelassen. Zudem haben Studien und Fallberichte darauf hingewiesen, dass andere körperliche Zustände auch von Capsaicin profitieren können, beispielsweise schmerzhafte oder juckende Hauterkrankungen nach Operationen, Verletzungen oder Tumoren, neuronale Dysfunktion oder Entzündungen der Atemwege und Harnwege. Die Linderung durch Capsaicin bei Cluster-Kopfschmerzen, Psoriasis und Juckreiz war in Studien deutlich größer mit Capsaicin als unter Placebo.

Capsaicin ist eine neuartige und wirksame Behandlung für hartnäckigen Juckreiz unbekannter Ursache am After (Pruritus ani). Dies ist eine häufige und peinlich Bedingung, die nur sehr schwer zu behandeln ist. Pruritus ani ist durch starken Juckreiz am After und der perianalen Haut gekennzeichnet. Viele Patienten mit Pruritus ani haben keine eindeutige Ursache für den Zustand. Fäkale Verunreinigung des Dammes, reizenden Chemikalien im Kot, Allergien auf Bestandteile der Nahrung und auch psychosomatische Faktoren werden als mögliche Ursachen vermutet, sind aber nicht schlüssig zu beweisen.
Wegen nicht nachweisbarer Ursache, wird es häufig als „idiopathisch“ beschrieben und trotz Beratung über Hygiene-und Trocknungsverfahren sind die Therapieergebnisse meistens mit schlecht. 

Capsaicin, ein natürliches Alkaloid aus Pflanzen der Familie der Nachtschattengewächse, ist bekannt dafür, wirksam und sicher bei der Behandlung von Schmerzen und Juckreiz zu sein. Juckreiz am After ist eine häufige Erkrankung an der bis zu 5% des Bevölkerung leiden. Bezeichnenderweise wird Pruritus ani durch Reibung oder ein warm-feuchtes Milieu verschärft wird. Mangelhaft Analhygiene oder im Gegenteil übertriebene Hygiene mit Seife ist oft ein entscheidender Faktor. Die konservative Behandlung hat die Wiederherstellung der intakten sauberen, trockenen Haut zum Ziel. Der Damm muss nach dem Stuhlgang vorsichtig mit Wasser gereinigt werden. Die Trocknung sollte auch vorsichtig durchgeführt werden, vorzugsweise mit einem Fön. Einigen Patienten hilft bereits diese konservative Behandlung. Leider bleibt ein erheblicher Prozentsatz sehr schwierig zu behandeln und stellt eine wichtige klinische Herausforderung dar. 
Versuche, feuerfesten Pruritus ani zu behandeln sind perianale Injektion von Anästhetika, chirurgische Störung des sensiblen Nerven Versorgung der Dammbereich, Kryotherapie und sogar Hypnotherapy. Die meisten dieser Versuche haben begrenzten Erfolg und einige haben erhebliche Nebenwirkungen. Zusammenfassend ist perianalen Anwendung von 0,006% Capsaicin-Creme ein neuer und vielversprechender Ansatz für die Behandlung des chronischen, idiopathischen, hartnäckigen Analjuckens. Dieses Medikament war signifikant wirksam und sicher.


Nach ayurvedischer Betrachtungsweise üben innerlich eingenommene Chilis eine Reizwirkung auf die mentale und emotionale Balance aus. Bei übermäßigem Verzehr kann daher der Gebrauch von Chili zu geistiger Unruhe und Überreizung führen. Während Zubereitungen aus Paprika in der westlichen Pflanzenheilkunde ausschliesslich zur äusserlichen, lokalen Therapie gedacht sind, kennt das Ayurveda auch die innerliche Einnahme. Beispielshalber wird bei Halsentzündungen mit einem Aufguss aus Chilischoten gegurgelt, bei Alkoholabhängigkeit wird das Bedürfnis nach Alkohol durch einen Aufguss von Chili mit Zimt und Zucker gestillt und bei Appetitlosigkeit wird eine Chilitinktur zusammen mit einem Bittermittel verabreicht, um nur einige zu nennen. Die Chilischote stammt ursprünglich aus Südamerika, daher ist Chili in ganz alten, traditionell ayurvedischen Mitteln nicht enthalten gewesen.
Menschen, die überempfindlich gegen Paprika-Zubereitungen reagieren, sollten capsaicinhaltige Produkte meiden. Die Anwendung darf nicht auf geschädigter Haut und Schleimhäuten erfolgen. In seltenen Fällen kann es zu Überempfindlichkeitsreaktionen kommen. Bei längerer Anwendung in höherer Dosierung an der gleichen Hautstelle ist die Schädigung von Nerven möglich sowie Blasenbildung der Haut. Die Anwendung an der gleichen Stelle beträgt höchstens zwei Tage und vor erneutem Auftragen müssen 14 Tage verstreichen.

Cannabis sativa aus Leonhart Fuchs Kräuterbuch von 1543

Bei chronischem, therapieresistenten Juckreiz versagen häufig konventionelle Therapiemaßnahmen und deshalb sind neue Therapieansätze gefragt. Kürzlich wurde die Expression von Cannabinoidrezeptoren für sensible Hautnervenfasern beschrieben und der Einsatz von Cannabinoidagonisten zur Therapie von Pruritus erforscht. 

In einer offenen Anwendungsbeobachtung erhielten 22 Patienten mit Prurigo, Lichen simplex und Pruritus eine N-Palmitoylethanolamin- (PEA-)haltige Pflegecreme. Bei 14/22 Patienten konnte ein guter bis sehr guter antipruritischer Effekt dokumentiert werden. Im Mittel war eine charakteristische Reduktion des Juckreizes um 86,4% zu verzeichnen. Die Therapie wurde von allen Patienten gut toleriert; es traten keine unangenehmen Sensationen wie Brennschmerz oder Kontaktekzeme auf. Die Ergebnisse zeigen, dass topische Cannabinoidagonisten eine effektive Therapie mit guter Verträglichkeit bei therapierefraktärem Juckreiz verschiedenster Ursache darstellen. Es darf spekuliert werden, dass Cremes mit einer höheren Konzentration an Wirkstoffen zu einem noch besseren Ansprechen des Pruritus mit breiterem Indikationsgebiet führen werden.

Cannabis sativa

Postzosterschmerz ist eine häufige Nebenwirkung bei Herpes Zoster Patienten und schwer zu behandeln. Konventionelle Schmerztherapie genügt oftmals nicht, den brennenden Schmerz zu reduzieren. In einer Studie erhielten 8 Patienten mit Gesichts-Postzosterschmerz eine Creme mit dem Cannabinoid-Rezeptor-Agonisten N-Palmitoylethanolamin. 5 von 8 Patienten (62,5%) zeigten eine durchschnittliche Schmerzreduktion von 87,8%. Die Therapie wurde von allen Patienten gut vertragen. Es traten keine unangenehmen Empfindungen oder Nebenwirkungen auf. Topische Cannabinoid-Rezeptor-Agonisten sind eine effektive und gut verträgliche Option als Begleitmaßnahme bei Post-Zosterschmerz. Die cannabinoiden Systeme nehmen an der Vermittlung der Schmerzwahrnehmung teil, daher scheint es eine Begründung für den Einsatz dieser Medikamente zur Behandlung von Juckreiz geben. Daten aus kontrollierten klinischen Studien über die Verwendung von Dronabinol sind jedoch derzeit nicht verfügbar.


Dronabinol ist der isolierte Hauptwirkstoff der Droge Cannabis. Seit 1998 ist es eine verkehrs- und verschreibungsfähige Rezeptursubstanz, d.h. das Medikament wird in der jeweilig beauftragten Apotheke nach Verordnung hergestellt, da es noch kein zugelassenes Fertigarzneimittel in Deutschland gibt. Aus den USA oder Kanada kann Marinol™ als Fertigarzneimittel importiert werden, was aber einen hohen Verwaltungsaufwand erfordert, da es unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. In Deutschland ist die Verwendung von Cannabis als Medizin und zu „Genusszwecken“ verboten. Seit 1983 kann Nabilon, ein synthetischer THC-Abkömmling, verschrieben werden. Seit 1998 kann der Cannabiswirkstoff Dronabinol (THC) durch Ärzte verschrieben werden.
Cannabis sativa

Juckreiz kann bei organischen Ursachen wie Gallestau besonders schwierig zu handhaben sein. Die betroffenen Patienten berichteten über eine Abnahme ihrer Lebensqualität, inklusive Schlafmangel, Depression, Unfähigkeit zu arbeiten, sowie Selbstmordgedanken. In einer Studie wurde betroffenen Menschen 5 mg Delta-9-THC (Marinol) zur Schlafenszeit verabreicht. Alle Patienten berichteten über eine Abnahme des Juckreizes, deutlichen Verbesserung des Schlafes und waren schließlich waren in der Lage, zur Arbeit zurückzukehren. Die Dauer der juckreizstillenden Wirkung ergab etwa 4-6 Stunden. Delta-9-Tetrahydrocannabinol kann eine wirksame Alternative bei Patienten mit hartnäckigem, durch Gallestau bedingten Juckreiz sein.


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