Donnerstag, 25. Oktober 2012

Heilpflanzen der Ahnen

Wenn das Stichwort Heilpflanzen fällt, bringen viele dies mit Klosterheilkunde und Hildegard von Bingen in Verbindung. Manch einem sagt auch der Name Avicenna etwas. Ibn Sina (lat. Avicenna, 980-1037) schrieb ein medizinisches Lehrbuch „Canon medicinae“ das bis in die frühe Neuzeit richtungsweisend für Heilkundige blieb. Diese alten Heilpflanzenkundigen sind heute noch bekannt, weil ihre Werke schriftlich überliefert wurden. Doch welche Heilpflanzen nutzen die Ahnen in Zeiten aus denen keine schriftlichen Zeugnisse überliefert sind? In Nordosteuropa wurden vor 8000 Jahren Heilpflanzen genutzt, die heute nach wie vor verwendet werden.

Heilpflanzen als Siedlungsanzeiger 
Analysen der Umwelt vorgeschichtlicher Kulturen durch Pollendiagramme von erloschenen Siedlungen in Mecklenburg-Vorpommern haben verschiedene Heilpflanzen und weitere archäologische Siedlungsanzeiger identifiziert. Bereits in den Phasen der ersten menschlichen Besiedlung in der älteren Mittelsteinzeit um 6000 v. Chr. kultivierten die Menschen Pflanzen welche ihnen unmittelbaren Nutzen brachten, in der Nähe ihrer Siedlungen. Sowohl der Ernährung dienende Pflanzen als auch Heilpflanzen wurden in wissenschaftlichen Studien erfasst.

Menschen in der Mittelsteinzeit 
Die Menschen, die einst in Nordostdeutschland siedelten, sind Heilpflanzen vegetationsgeschichtlich seit der Klimaphase der frühen Wärmezeit des Boreals, d. h. in der älteren Mittelsteinzeit um 6000 v. Chr., begegnet. An den Küsten der jungen „Ostsee“ entfaltet sich damals im jüngeren Altlantikum eine spätmesolithische Kultur. Diese Menschen stellten bereits einfache Feuersteingeräte her, wie Funde belegen. Durch Ausgrabungen erschlossene Siedlungen sprechen dafür, dass die Bevölkerung in der Mittelsteinzeit in kleinen Gruppen lebte. An den Fundstellen ergeben sich in Pollendiagrammen besonders hohe Werte von pflanzlichen Siedlungszeigern, insbesondere der Pflanzengattungen Artemisia und Chenopodiaceae.“1


Heilpflanzen der Ahnen
Die unterschiedlichen Gewächse in der Nähe der menschlichen Siedlungen wurden wahrscheinlich damals schon als Nutz- bzw. Heilpflanzen verwendet. In Pollendiagrammen spiegelt sich das Auftreten der folgenden Pflanzen wieder2:
Artemisia. Artemisia ist eine Pflanzengattung in der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Einzelne Arten sind beispielsweise Beifuß, Wermut, Stabwurz oder Edelraute.


Wermut (Artemisia absinthium) Blattgold Dr.Becker ®

Chenopodiaceae. Die Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae) sind eine Familie in der Ordnung der Nelkenartigen (Caryophyllales) innerhalb der Bedecktsamigen Pflanzen (Magnoliopsida). Einige Arten, wie etwa der Spinat (Spinacia oleracea) oder Kulturformen der Rübe (Beta vulgaris) (z. B. Rote Rübe, Mangold), werden als Gemüsepflanzen genutzt.
Calluna. Die Besenheide (Calluna vulgaris), auch Heidekraut genannt, ist die einzige Pflanzenart der Gattung Calluna, die zur Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae) gehört. Die Besenheide stellt in der Imkerei eine wichtige Bienenweide dar. Die Besenheide könnte als Bienefutterpflanze verwendet worden sein. Honig ist vielfältig nutzbar. Honig macht Dinge haltbar und besitzt eine antimikrobielle Wirkung. Seit ältester Zeit stellten Menschen, die über ausreichend Honig verfügten, Met her. Die Verwandlung von Honigwasser in Met mit der berauschenden Wirkung des Alkohols machten den Met in der germanischen und nordischen Mythologie zum Trank und Geschenk der Asen (Götter). Mit den verschiedensten Zutaten hergestellt und vermischt, wurde der Met gegen die unterschiedlichsten Krankheiten verwendet.6


Calluna vulgaris

Utricales. Eine weitere Pflanzengruppe aus steinzeitlichen Siedlungen sind die früher als eigene Ordnung Urticales zusammengefassten Familien der Ulmengewächse (Ulmaceae), Hanfgewächse (Cannabaceae) und Brennesselgewächse (Urticaceae).7 Die Brennnessel wird bei Erkrankungen der Harnwege als harntreibendes Mittel und bei rheumatischen Beschwerden zur Begleittherapie eingesetzt. Die Brennessel ist auch ein beliebter Bestandtteil von Frühjahrskuren. Die Blätter werden als Tee getrunken und sie ist Bestandteil der Grünen Neune.


Große Brennnessel (Urtica dioica)
Blattgold Dr.Becker ®

Der bekannteste Vertreter der Cannabaceae ist der Echte Hopfen und wird zum Bierbrauen verwendet. Als Heilpflanze schätzt man Hopfen wegen der beruhigenden und einschlaffördernden Wirkung. 

Echter Hopfen (Humulus lupulus) Blattgold Dr.Becker ®

Plantago lanceolata. Spitzwegerich (Plantago lanceolata), auch Spießkraut, Lungenblattl oder Schlangenzunge genannt, ist eine Pflanzenart, die zur Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae) gehört. Das Wort Wegerich entstammt dem Althochdeutschen von wega = Weg und rih = König. Zur Herstellung von Teeaufgüssen zur Behandlung von Erkältungen werden die oberirdischen Pflanzenteile gesammelt und getrocknet. Für Spitzwegerichsaft presst man die frischen Blätter aus. Für Spitzwegerichsirup kocht man die Blätter und Blüten zusammen mit Zucker und/oder Honig.8

Spitzwegerich (Plantago lanceolata) Blattgold Dr.Becker ®

Rumex acetosella. Der Kleine Sauerampfer (Rumex acetosella) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Ampfer (Rumex). Sauerampfer ist ein essbares Wildgemüse.

Frühe Nutzung von Heilpflanzen
Das Neolithikum ist die letzte Epoche der Steinzeit mit Beginn im 6. Jahrtausend v. Chr. in
Europa. In Mecklenburg-Vorpommern lebten die Menschen auf diese Stufe der Entwicklung  grösseren dörflichen Siedlungen mit mehrjährig bewohnten Häusern. Sie bauten bereits Kulturpflanzen an und trieben die Domestikation von Tieren voran.3 Der Nachweis von Getreidepollen und regelmäßiges Auftreten von Siedlungsanzeigern wie die Pflanzengattungen Plantago, Artemisia, Rumex und Calluna dokumentieren eine menschliche Kultur in Nordostdeutschland.4 Die aufgezählten Siedlungsanzeiger sind Nutz- oder Heilpflanzen, was nicht einfach mit dem Zufall zu erklären ist.5 Die Menschen lernten die sie umgebende Natur zu nutzen, um sich darin zu behaupten. Sie suchten und brachten für ihre Versorgung mit Nahrung  geeignete, wertvolle Pflanzen aus der wilden Natur in ihre Nähe, aber auch Heilpflanzen. In der Umgebung ihrer Siedlungen bauten sie Nutzpflanzen an. Das Wissen dieser Zeit über Heilpflanzen und ihre Verwendung ist natürlich nicht schriftlich überliefert worden. Somit ist nichts über die Art der Anwendung, die Dosierungen und Anwendungsgebiete bekannt. Vieles ist wahrscheinlich in Vergessenheit geraten. Es besteht aber kein Zweifel daran, dass die Ahnen des modernen Menschen intelligent waren und somit schlau genug waren, die Heilpflanzen ihrer Umgebung geschickt für Heilzwecke zu nutzen. Bemerkenswert ist, dass die Heilpflanzen der Ahnen wie Brennessel, Hopfen, Spitzwegerich und Wermut noch heute genutzt werden. Das sollte doch Kritiker die Heilpflanzen als unwirksames Unkraut ablehnen zum Nachdenken bringen.




Quellen:
1 Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden, Neunzehnte völlig neu bearbeitete Auflage. Bd.14.
S.684. F.A. Brockhaus GmbH, Mannheim 1991.
2 Lange, Elisabeth. Botanische Beiträge zur mitteleuropäischen Siedlungsgeschichte – Ergebnisse zur
Wirtschaft und Kulturlandschaft in frühgeschichtlicher Zeit. S. 43. In: Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 27.
Akademie-Verlag, Berlin, 1971.
3 Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden, 19. völlig neu bearbeitete Auflage. Bd.11. S.685. F.A.
Brockhaus GmbH, Mannheim 1991.
4 Vgl. : Fukarek, Franz/ Henker, Heinz. Flora von Mecklenburg-Vorpommern, Farn- und Blütenpflanzen. S.50.
Weissdorn-Verlag, Jena, 2006.
5 Vgl. Kapitel 3.6 Die gegenwärtige Arzneiflora von M-V.
6 http://de.wikipedia.org/wiki/Met#Met_als_Heilmittel
7 http://de.wikipedia.org/wiki/Anemophilie
8 http://de.wikipedia.org/wiki/Plantago_lanceolata

1 Kommentar:

  1. Das ist alles so interessant!
    Ich versuche mir das alles vorzustellen.
    Ich glaube die Menschen damals waren
    ganz anders als wir, mit der Natur verbunden.
    Und haben Dinge gewußt von denen wir keine
    Ahnung haben. Die Indianer und andere Ureinwohner,
    sind ja auf gleicher Stufe gewesen und ihre Medizinmänner
    kannten sich mit Kräutern aus.
    Viele liebe Grüße Urte

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