Donnerstag, 26. Juni 2014

Aromatherapie - Duft und Erinnerungen

Studien über Aromatherapie, Düfte und mit diesen verbundene Erinnerungen, haben Unterschiede zu Erinnerungen festgestellt, die durch Bilder oder Worte auftreten.
Um sich den Unterschied vorab zu verdeutlichen kann man ein einfaches Selbstexperiment durchführen. Man betrachtet das Bild einer Rose und schreibt seine Erinnerungen auf, dann riecht man an einer durftenden Rose oder dem ätherische Öl der Rose und schreibt seine Erinnerungen dazu auf. 



Rosa centifolia  Blattgold Dr.Becker ®


Wie man feststellen wird gibt es einen gewaltigen Unterschied ob das ätherische Öl einer Rose eingeatmet wird oder ob das Bild einer Rose betrachtet wird. Das selbe Experiment lässt sich mit allen duftenden Dingen weiterführen, z.B. Einer Tasse frisch augebrühtem Tee, Keksen, Parfum etc. und immer zu dem Ergebnis führen, das die Erinnerungen beim Duft intensiver ausfallen. Die Besonderheiten von Erinnerungen an Düfte werden passender Weise mit dem Acronym LOVER für Limbic, Old, Vivid, Emotional, and Rare beschrieben - übersetzt steht Limbic, Old, Vivid, Emotional, and Rare für limbisch, alt, lebhaft, emotional und selten.
Alte Erinnerungen

In der Biografie eines Menschen sind die Erinnerungen an Duft vor allem ältere Erinnerungen. Die meisten Erinnerungen an einen Duft sind Kindheitserinnerungen der ersten Lebensdekade (<10 Jahre), beispielsweise der angenehme Duft von Plätzchen zu Weihnachten. Diese Beobachtung zeigt, dass assoziatives Lernen mit Düften sehr früh im Leben beginnt. Duft-Erlebnisse und Duft-Eindrücke können bei der Arbeit mit Aromatherapie wieder dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden.

Geruchserinnerungen aus der Kindheit (3–10 Jahre) sind im orbitofrontal Kortex lokalisiert. Dieser Teil des Gehirns ist zuständig für Emotionskontrolle, Impulskontrolle und soziale Anpassung. Die Erinnerung an einen Duft ist wahrnehmungsgesteuerter und bildhafter als verbal abgespeicherte Erinnerungen und erst mit zunehmendem Alter werden die Erinnerungen in Sprache gemerkt und verfestigt. Duft- und Spracherinnerungen sind miteinander verbunden und samt wiederkehrender Emotionen können sie verbal mitgeteilt werden.

Wenn durch Düfte Erinnerungen aus dem jungen Erwachsenenalter (11–20 Jahre) hervorgerufen werden, ist die Aktivität der unteren Stirnwindung (Gyrus frontalis inferior) der Großhirnrinde aktiv. Diese Gehirnregion beherbergt auf der dominanten Seite das motorisches Sprachzentrum (Broca-Sprachzentrum).

Das Brocazentrum ist für die Sprachmotorik, Artikulation und die Bildung abstrakter Wörter zuständig. Ein interessanter Fact ist, dass Kinder im Alter bis ca. drei Jahren ihre Sprache in diesem Zentrum ausbilden. Später erlernte Zweitsprachen werden separat in benachbarten Hirnarealen nahe dem Broca-Areal gespeichert.

Lebhafte Erinnerungen

Ein in der Aromatherapie durch einen Duft wieder lebendig werdendes Erlebnis aus der Vergangenheit ist in der Regel von starken Gefühlen begleitet, wenn es wieder in Erscheinung tritt und den Menschen in seine Vergangenheit zurückbringt. Typisch ist neben den starken Gefühlen, dass die Erlebnisse sehr lebhaft und sehr detailiert geschildert werden können.

Funktionell werden Strukturen des Gehirns aktiviert, welche die optische Lebhaftigkeit der Erinnerungen erklären können, nämlich der Occipitallappen der Sehrinde und der Precuneus. Der Precuneus ist bedeutsam für die visuell-räumliche Wahrnehmung, das episodische Gedächtnis, Selbstbild, Selbstreferenz und Mentalisierung.

Emotionaler Erfahrungswert

Der Geruchssinn ist ein emotionales System. Durch gute oder unangenehme Düfte hervorgerufene autobiografische Eindrücke sind emotionaler als durch andere Modalitäten hervorgerufene Erinnerungen, weil die Riechnerven direkt in die Amygdala projizieren. Tatsächlich belegen Studien eine größere emotionale Beteiligung bei durch Düften hervorgerufenen Erinnerungen gegenüber durch Worte oder durch Bilder hervorgerufenen Erinnerungen.

Limbische Aktivierung durch Düfte

Der Geruchssinn ist sehr eng mit dem limbischen System im Gerhirn verbunden. Die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems im Gehirn welches Ereignisse mit Emotionen verknüpft und diese speichert, ist nur eine Synapse von Zentrum für den Geruch im Gehirn entfernt.

Das neuronale Netzwerk welches den Geruchssinn im Gehirn repräsentiert ist außerdem mit weiteren Anteilen des Gehirns verbunden. Ein in der Aromatherapie verwendeter Duft führt zur Aktivierung des Hippocampus und ist in der Lage dadurch Erinnerungen zu wecken. Der Hippcampus ist der Teil des Gehirns, welcher Gedächtnisinhalte aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis überführt. In der Aromatherapie verwendete Aromen können diese Hirnzentren stärker aktivieren als das Anschauen von Bildern oder Worten und dadurch Ereignisse der persönlichen Lebensgeschichte wieder bewusst machen.

Neben der Amygdala und dem Hippocampus ist es möglich druch Aromatherapie weitere Regionen des übrigen limbischen and paralimbischen Systems, der piriformen and entorhinalen Regionen sowie des Parahippocampus, der Insula und des orbitofrontalen Cortex durch Düfte zu aktivieren.

Seltenes Vorkommen

Verglichen mit Erinnerungen die durch Fotos oder Namen hervorgerufen werden, wird über Erinnerungen, die durch einen Duft hervorgerufen werden oft gesagt, dass über die lebensgeschichtlichen Ereingisse zuvor nie nachgedacht oder gesprochen wurde. Im Gegensatz zu Erinnerungen, die durch ein verbales oder visuelles Stichwort ausgelöst werden und schnell abgerufen werden, lösen Duftreize wahrscheinlich eine andere Suchstrategie im Gehirn aus, die auf Wahrnehmung beruht und nicht auf abrufbarem Wissen. Mit Düften verbundene Erinnerungen sind älter und es dauert länger vom auslösenden Reiz bis zum bewusst werden der Erinnerung.

Düfte sind wesentlich speziellere Reize als Wörter oder Bilder und eine Folge davon ist, dass sie weniger Erinnerungen hervorrufen als Wörter oder Bildinformationen. Forschungsergebnisse zeigen aber auch, dass wenn Wortreize zusammen mit Duftreizen gegeben werden oder wenn der Duft erkannt wird, mehr Erinnerungen hervorgerufen werden können als durch das Wort allein. Die Angenehmheit eines Duftes und das Gefühl in der Zeit zurück gebracht zu werden sind aber geringer, wenn der Duft gemeinsam mit seinem Namen präsentiert wird.

Die unausgesprochene und indirekte Natur des Duftes und die Seltenheit von Geruchserinnerungen in der menschlichen Wahrnehmung täuschen möglicherweise über den mächtigen Einfluss der Geruchserinnerungen auf das menschliche Erleben hinweg.



Bedeutung von Erinnerungen für die Aromatherapie

Diese Ergebnisse sind bedeutungsvoll für die Armoatherapie. Für Aromatherapeuten, die gleichzeitig psychotherapeutisch tätig sind wäre eine gleichzeitige Präsentation von Duft und verbalem Reiz denkbar, um verdrängte Erinnerungen hervorzurufen. Für Aromatherapeuten, die viel mit der Wahrnehmung der Klienten arbeiten wäre auch ein besserer Zugang des Klienten zu seinen Emotionen möglich indem ein individuell passender Duft dargeboten wird. Derzeit gibt es aber keine festen Regeln wie die Aromatherapie abzulaufen hat, welche Art der Duft-Darbietung gute Ergebnisse erzielt, bei welchen Leiden Aromatherapie Heilung verspricht und welche Besonderheiten zu beachten sind, insbesondere nicht für den Umgang mit plötzlich auftauchenden Erinnerungen.

Ob ein Trainieren von betroffenen Gehirnregionen durch Aromatherapie bei psychischen Erkrankungen möglich wäre ist nur eine Hypothese. Möglicherweise könnte durch eine Art Geruchstraining betroffener Gehirnregionen oder durch die Duft-Stimulation als Zugang zum inneren Erleben des Erkrankten ein Schritt in Richtung Heilung in Gang gesetzt werden.
Abschließend einige Beispiele für Hirnregionen, die durch Duft angeregt werden können und ihre psychischen Krankheiten:
Die Geruchserinnerungen aus der Kindheit sind im orbitofrontal Kortex lokalisiert. Erkrankungen des orbitfrontalen Kortex gehen mit Störungen der Fähigkeit aus Konsequenzen zu lernen, der Reaktionsinhibition sowie der Fähigkeit einzuschätzen, ob das eigene Verhalten im jeweiligen sozialen Kontext angemessen ist z.B. Borderline-Persönlichkeitsstörung, Posttraumatische Belastungsstörung, Sucht, Depression, Zwangsstörungen, Angststörungen, Chron. Schizophrenie, Pädophilie.

Der Precuneus sorgt dafür, dass Dufterinnerungen bildlich-lebhaft erinnert werden. Bei diesen Erkrankungen ist der Prcuneus mitbetroffen: Borderline-PST (Dissoziation), Anorexia Nervosa und Schizophrenie.

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Quellen:
http://journal.frontiersin.org/Journal/10.3389/fpsyg.2014.00312/full
Maria Larsson, Johan Willander, Kristina Karlsson, Artin Arshamian.Olfactory LOVER: behavioral and neural correlates of autobiographical odor memory Front. Psychol., 11 April 2014 | doi: 10.3389/fpsyg.2014.00312.
http://www.gehirn-atlas.de/orbitofrontaler-cortex.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Broca-Areal#Funktion