Samstag, 28. März 2015

Diffuse Angststörung und wie die Natur hilft

Pan et Syrinx Peter Paul Rubens circa 1636. From Wikimedia Commons


Einleitend wird zum besseren Verständniss das Krankheitsbild der diffusen Angststörung kurz erläutert. Als Quelle dafür diente "Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage von Michael Ermann". Dann werden naturheilkundliche Therapiemöglichkeiten bei diffuser Angststörung, nämlich Kava-Kava, Johanniskraut, Passionsblume und ätherisches Öl der Blüten der Bitterorange (Neroli) und der Anisverbene besprochen.

Video über die Passionsblume:




Diffuse Angststörungen
Diffuse Angststörungen umfassen Panikstörungen und generalisierte Angststörungen.
Angst ist ein Gefühlszustand der Bedrängung oder Bedrohung, der mit körperlichen Begleiterscheinungen verbunden ist. Irrationale und übertriebene Angst als Symptom wird als neurotische Angststörung bezeichnet. Neurotische Ängste sind Relikte nicht verarbeiteter Ängste aus der Kindheit, die durch Verdrängung im Unbewussten fortbestehen. Bei der Panik sind die Angstsymptome ungebunden, d.h. nicht auf Objekte bezogen, diffus und anfallsartig. Das dazugehörige Syndrom ist die diffuse Angststörung, die in Panikattacken und generalisierte Angststörung (GAS) unterteilt wird. Neben psychologischen Faktoren werden heute vor allem neurobiologische Modelle zur Erklärung der Angst herangezogen. Im Zentrum des Interesses steht dabei das limbische System, Regulationsprozesse im Bereich des Mandelkerns (Amygdala), des Hippocampus und des Hypothalamus, da diese Gehirnstrukturen die entscheidende Rolle bei der Entstehung und Verarbeitung der Angst haben.

Panik (Angstattacken)
In den Metamorphosen von Ovid verschmäht die Nymphe Syrinx die Liebe Pans. Auf der Flucht in "panischer Angst" vor ihm wird sie auf ihr Bitten hin in Schilfrohr verwandelt. Die Redewendungen "panische Angst haben" und "in Panik geraten"  gehen auf den griechischen Gott Pan zurück. Er jagte in der griechischen Mythologie nicht nur der Nymphe Syrinx, sondern auch z.B. ruhenden Herdentieren „panischen Schrecken“ ein.
In den Klassifikationssystemen psychischer Störungen DSM-IV ist Panik als eine klar abgrenzbare Episode intensiver Angst definiert die von Vernichtungsgefühlen geprägt ist, bei der mindestens 4 der nachfolgend genannten Symptome plötzlich auftreten und innerhalb von 10 Minuten einen Höhepunkt erreichen. Dazwischen bestehen angstfreie Intervalle:
  1. Palpitationen (Herzrasen), Herzklopfen oder beschleunigter Herzschlag,
  2. Schwitzen,
  3. Zittern oder Beben,
  4. Gefühl der Kurzatmigkeit oder Atemnot,
  5. Erstickungsgefühle,
  6. Schmerzen oder Beklemmungsgefühle in der Brust,
  7. Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden,
  8. Schwindel, Unsicherheit, Benommenheit oder der Ohnmacht nahe sein,
  9. Derealisation (Gefühl der Unwirklichkeit) oder Depersonalisation (sich losgelöst fühlen),
  10. Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden,
  11. Angst zu sterben (Todesangst),
  12. Parästhesien (Taubheiten oder Kribbelgefühle),
  13. Hitzewallungen oder Kälteschauer."1
Die Angstauslöser werden von den Betroffenen meistens nicht wahrgenommen. Es wird eine diffuse Gefährdung erlebt, wenn Lebensveränderungen das Sicherheitsgefühl und die innere Orientierung in Frage stellen. Panikanfälle können chronifizieren und im Verlauf zu einer Phobie werden. Die Panikstörung wandelt sich dann in eine phobische Angststörung mit Panikstörung. Später stehen oft Hyperventilation und Herz-Angst-Anfälle im Zentrum des Krankheitsbildes und die Panik wird zur Somatisierungsstörung. Neurotische Somatisierungsstörungen bei denen Angstaffekte abgewehrt werden, haben eine geringe Spontanheilung. Nach neuerer Auffassung kann man annemen, dass diese Ängste einen präsymbolischen Erlebniszustand repräsentieren, der nicht durch Mentalisierung begrifflich gefasst worden ist. Es ist die Fragmentierungs- und Verlassenheitsangst des Säuglings und Kleinkindes welche als Identitätsdiffusion, Vernichtungsangst und Angst vor dem Alleinsein in der Panikattacke wieder auftaucht. Ursache können z.B. Trennungen und traumatische Objektverluste in der Frühphase des Lebens sein. Eine typische Auslösesituationen ist bei der Panik z.B. der Verlust von Menschen die als Angstschutz dienen. Daneben findet man Panikattacken auch bei narzistischen und hysterischen Persönlichkeiten.

Generalisierte Angststörung
Panik, Phobie und Hypochondrie sind im Alltag nicht strikt voneinander zu trennen und im Verlauf vereinheitlicht sich das Bild zu einer generalisierten Angststörung. Panik wird immer stärker mit Umgebungsfaktoren assoziiert und auf das Körpererleben ausgedehnt. Die Ängste weiten sich auf immer mehr Situationen aus. Hypochondrische Besorgnis gipfelt in Angstanfällen. Phobie wird zur panikartigen Angst, wenn die angstauslösende Situation nicht vermieden werden kann. Die multiplen chronischen Ängste sind nicht mehr auf einen spezifischen Auslöser zu beziehen. Psychische Begleitsymptome und körperliche Symptome kommen hinzu. Es handelt sich bei der generalisierten Angststörung meistens um die Chronifizierung und Ausweitung anderer Angststörungen. Hintergründe und Auslöser sind in der Dynamik der ursprünglichen Panikstörung bzw. Phobie zu finden.

Bedeutung der Heilpflanzen
In der ethnomedizinischen Ethnopharmakologie, hat ein Heilmittel noch viel mehr Bedeutung als nur die Beschränkung auf die wirksamen Inhaltsstoffe, die es besitzt. Medikamente haben kulturelle und symbolische Bedeutungen die eine kraftvolle Rolle bei der Heilung spielen, wodurch sogar der biologische Effekt des Heilmittels auf den menschlichen Körper beeinflusst wird. Kulturelle Überzeugungen über Heilmittel können wie Hilfsmittel wirken, um die Wirkung eines Mittels zu verbessern. Dies gilt sowohl für Placebos als auch für Medikamente. Diese Verbesserung der medizinischen Eigenschaften eines Heilmittels durch eine veränderte Wahrnehmung, den 'Effekt der Bedeutungskraft', ist wie der "Placeboeffekt", aber mit der Betonung auf den symbolischen Wert der Medikation. Pfanzen die kulturell hervorstechen, haben diese Art von geteilter Bedeutung, z.B. wurden Zauberpflanzen wie der Alraune besondere magische Fähigkeiten zugeschrieben. Zu all diesen Zauberpflanzen gibt es Sagen und Volksmärchen, die heute in Vergessenheit geraten sind. Insbesondere bei einer emotionalen Störung wie diffuser Angststörung ist der symbolische Heilungsaspekt eines Medikaments enorm wichtig.2

Kava-Kava
In Polynesien wird der Kava-Kava Trank als ritueller "Stimmungsaufheller" und "Muntermacher" bei Festen getrunken. Die Behandlung im medizinisch-therapeutischen Setting mit Kava-Kava (Rauschpfeffer, Piper methysticum) reduziert Symptome der Angst bei Patienten mit generalisierter Angststörung, nicht- psychotischen Angstzuständen und anderen Angsterkrankungen. Standardisierte Kava-Kava-Wurzelstock-Präparate sind aus der Gruppe der pflanzlichen Anxyolytika (bedeutet wörtlich Angstauflöser) mit Abstand das Medikament der ersten Wahl, stehen aber seit 2002 in Deutschland nicht mehr als Medikament zur Verfügung wegen des Verdachts auf Leberversagen in einigen Fällen. Siehe hierzu eine Analyse der Uni Münster
Analyse derNebenwirkungsfälle zu Kava
Eine andere Heilpflanze mit einer so starken angstlösenden Wirkung wie Kava-Kava existiert nicht. Der Zentralverband der Ärzte für Naturheilverfahrung empfiehlt daher eine Verschreibungspflicht, eine Tages-Dosisbeschränkung aus max. 120 mg Kavapyrone, eine zeitlich begrenzte Einnahme von max. 2 Monaten und die Bestimmung der Leberwerte vor und nach Einnahme von Kava-Kava.3
Weitere Heilpflanzen gegen Angst sind Johanniskraut und Passionsblume. Erst an zweiter Stelle, wegen der geringeren Wirkstärke, stehen Johanniskrautextrakte, die jedoch nicht bei diffusen Angststörungen sondern eher bei Angstzuständen in Verbindung mit depressiven Zuständen wirksam sind. Die Therapie mit Passionsblume ist noch bei Angst und Unruhe zu empfehlen. Eine alleinige Therapie mit Johanniskraut und Passionsblume bei Angststörungen ist aber nicht empfehlenswert, sondern nur begleitend zu einer Psychotherapie anzuraten. Diese Heilpflanzen eignen sich zur komplementären Therapie von leichten bis mittelschweren Angstzuständen und sie müssen längerfristig eingenommen werden.


Johanniskraut (Hypericum perforatum) Blattgold Dr.Becker ®

Aromatherapie bei diffuser Angststörung
Insbesondere das Neroli genannte ätherische Öl aus den Blüten der Bitterorange hat den Ruf ein Notfallöl und "Angstöl"zu sein. Es hat eine starke psychische Wirkung. Napoleon benutzte es auf seinen Feldzügen gegen seine Angst.4 Aufgrund seiner stimmungsaufhellenden, spannungsmindernden Wirkung ist es dafür geeignet Ängste, die durch seelische Verletzungen und Schock entstanden sind, abzubauen.Auch das ätherische Öl der Anisverbene (Lippia alba), eines aromatisch duftenden Strauches aus den Tropen, ist gut wirksam bei Angstzuständen. Das ätherische Öl wird medizinische wegen seiner beruhigenden, antidepressiven und schmerzlindernden Eigenschaften verwendet.6 Die Blätter werden auch eingesetzt, um Lebensmittel zu aromatisieren. Anisverbene ist vor allem in Zentral- und Südamerika als Beruhigungsmittel gebräuchlich, wegen seiner angstlösenden Eigenschaften bei generalisierten Angststörung. Carvon ist ein Inhaltsstoff der Anisverbene, der für die Wirkung als Beruhigungsmittel verantwortlich ist.
Carvon ist der aktive Inhaltsstoff ätherischer Öle, die als Beruhigungsmittel verwendet werden und wirkt direkt im ZNS. Wahrscheinlich interagiert Carvon mit GABA A-Rezeptoren im Gehirn wodurch Neurone gehemmt werden, die modulierend tätig sind. Carvone hemmt Gehirnregionen wie den Mandelkern (Amygdala) und das Septum des Hippocampus. Die Septumregion liegt an der Schnittstelle zwischen Hippocampus und Hypothalamus und ist in emotionale, vegetative und Gedächtnisleistungen involviert.7 Die Strukturen die durch das ätherische Öl der Anisverbene moduliert werden sind für einen Subtyp menschlichen Verhaltens, nämlich defensives Verhalten in Konfliktsituationen wie Annäherungs-Vermeidung zuständig.8
Psychisch wirkt das ätherische Öl der Patschulipflanze in niedriger Dosierung beruhigend, in hohen Dosen eher stimulierend. Massagen und Bäder mit dem ätherische Öl wirken stimulierend und tonisierend bei ÄngstenStressSchlafstörungen und Erschöpfung. Zudem wird das ätherische Öl der Patschulipflanze als Aphrodisiakum verwendet. Quelle


Patschulipflanze (Pogostemon cablin)  Blattgold Dr.Becker ®




Fazit
Für die Therapie akuter Angststörungen wie der Panik sind Heilpflanzen eigentlich nicht besonders gut geeignet, es sei denn sie haben für den Nutzer eine besondere symbolische Bedeutung, wie z.B. Neroli, das als das Notfallöl schlechthin gilt. Bei der generalisierten Angststörung sieht es besser aus, weil hier eine mittel- bis langfristige Therapie mit den genannten Heilpflanzen durchgeführt werden kann. Der Vorteil von Heilpflanzen ist in jedem Fall, dass sie entspannend und angstlösend wirken ohne Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Abhängigkeit zu verursachen wie z.B. Benzodiazepine. Zusätzliche Maßnahmen wie Autogenes Training zur Entspannung und Psychotherapie sind in jedem Fall sinnvoll.


Bei generalisierter Angststörung soll die Passionsblume gute Dienste leisten. Mehr unter dem Link Passionsblume.

Video über Passionsblume: 



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Quellen:

1http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychologie/Psychische_Storungen/Angst/Panik/panik.htm
2J Ethnobiol Ethnomed. 2010; 6: 9.
Published online 2010 Feb 17. doi: 10.1186/1746-4269-6-9
PMCID: PMC3583188
Ethnomedicine and ethnobotany of fright, a Caribbean culture-bound psychiatric syndrome
Marsha B Quinlancorresponding author1
3Schilcher, Kammerer. Leitfaden Phytotherapie. 2. Auflage. Urban & Fischer. S.129
4Aromatherapie. Grundlagen, Wirkprinzipien, Praxis. Wabern, Beier. Urban & Fischer Verlag. 1. Auflage 2009. S.240
5Praxis Aromatherapie: Grundlagen - Steckbriefe - Indikationen
von Monika Werner,Ruth von Braunschweig
6http://en.wikipedia.org/wiki/Lippia_alba
7https://www.dasgehirn.info/entdecken/anatomie/das-septum
8Braz J Med Biol Res. 2012 Mar; 45(3): 238–243.
Published online 2012 Feb 27. doi: 10.1590/S0100-879X2012007500021
PMCID: PMC3854189
Anxiolytic effects of repeated treatment with an essential oil from Lippia alba and (R)-(-)-carvone in the elevated T-maze
V.Y. Hatano,1 A.S. Torricelli,1 A.C.C. Giassi,2 L.A. Coslope,3 and M.B. Viana1

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