Mittwoch, 11. November 2015

Schwierigkeiten der Wirkstoffprüfung bei Arzneipflanzen am Beispiel Passionsblume

Dieses Foto wurde in einem Labor für pflanzliche Biotechnologie, Zellbiologie und genetische Forschung aufgenommen. Quelle Wikimedia


Eine Besonderheit von Phytopharmaka im Vergleich zu Synthetika liegt in der Schwierigkeit der pharmakologischen Wirkstoffprüfung. Die heilsamen Wirkungen der Arzneipflanzen sind beim Menschen durch Erfahrungsheilkunde bekannt. Es ist oft sehr schwierig eine geeignete Versuchsanordung zu finden, mit der sich die therapeutisch relevanten Wirkungen erklären lassen. Bei Heilpflanzen handelt es sich um natürliche Vielstoffgemische, z.B. sind die Hauptinhaltsstoffe der Passionsblume Flavonoide, Maltol, Cumarinderivate, geringe Mengen ätherisches Öl und in Spuren Alkaloide. Es wird angenommen, dass die Stoffe eine synergistische Wirkung im Körper entfalten. Bei Synthetika wie z.B. herzwirksame Glykoside, die natürlich im Fingerhut vorkommen, ist es einfach den Wirkstoff dem Wirkort zuzuschreiben, da es sich nur um einen einzigen Wirkstoff handelt. Viele der synthetischen Arzneimittel haben daher auch prompte und deutliche Wirkungen gegenüber Phytoparmaka. Phytopharmaka sind Zubereitungen aus der ganzen Heilpflanze welche die komplexen Stoffgemische der Arzeneipflanze enthalten. Synthetika sind konzentrierte Reinsubstanzen.


Video Roter Fingerhut:


Am Beispiel der Passionsblume soll nun gezeigt werden wie schwierig die pharmakologische Wirkstoffprüfung bei Heilpflanzen ist. Passionsblume könnte eine alternative Medikation bei Epilepsie darstellen, daran wird derzeit noch fleißig geforscht. Epilepsie ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung. Diese schwere Erkrankung wird mit Medikamenten behandelt, die schwere Nebenwirkungen hervorrufen können. Pflanzliche Präparate haben hingegen keine oder kaum Nebenwirkungen. Die Anzahl der Patienten und Mediziner, die Phytopharmaka bevorzugen, ist darum in den letzten Jahren wieder gestiegen.


Video Passionsblume:


Benzodiazepin Rezeptor Aktivierung
Die Wirkung von Passionsblume steigt mit steigender Dosis. Auch der Schutz vor epileptischen Anfällen steigt dosisabhängig. Antiepileptische Effekte wurden bereits bei geringen Dosen von Passionsblume im Versuch an Mäusen mit einem methanolischen Passionsblumenextrakt beobachtet. Erwähnenswert ist, dass die antiepileptische Wirkung der Passionsblume aufgehoben wird, wenn ein Blocker des Benzodiazepinrezeptors verabreicht wird. Das bedeutet, dass die antiepileprische Wirkung der Passionsblume mit der Aktivierung des Benzodiazepinrezeptors durch Passionsblume zusammenhängen muss.

GABAerges System
Berichte über die Rolle des GABAergen Systems im Gehirn, welche unter anderem die Wirkung der Passionsblume gegen epileptische Anfälle ausmachen, gehen davon aus, dass die in der Pflanze vorkommenden Flavonoide Rutin und Vixetin für den Schutz vor epileptischen Anfällen zuständig sind. Über das Flavonoid Vitexin gibt es gegenteilige Berichte darüber, dass Vitexin keine Effekte auf das ZNS habe. Die Flavonoide der Passionsblume reagieren wahrscheinlich als benzodiazepinähnliche Moleküle im ZNS. Es liegen Hinweise aus Tierversuchen dafür vor, in denen Flavonoide über GABA-Chloridkanäle Angst, Sedierung und Krampfanfälle beeinflussten.

Das Opioidsystem
Die erfolgreiche Behandlung der physischen Symptome des Opiatentzugs haben Passionsblume in einigen Ländern als Heilpflanze etabliert.

Einige antikonvulsive Wirkungen der Passionsblume sind auf die Aktivierung des Opioidsystems zurückzuführen. Man nimmt an, dass Passionsblume einen speziellen Opioidrezeptor aktiviert, weil dieser Opioidrezeptor im Versuch mit Passionsblume an Ratten für den Schutz gegen Anfälle zuständig war. Der KOR ist ein Opiopdrezeprot, der Dynorphin als Ligand bindet und möglicherweise hat seine Aktivierung antikonvulsive Effekte.1 2

Gut bekannte Phytopharmaka, die an den KOR-Rezeptor binden sind Pfefferminze, Salvia divinorum und die in Pflanzen vorkommende Substanz Ibogain. Der KOR ist für die schmerzlindernde Wirkung von Pfefferminze verantwortlich.3

Zurück zur Passionsblume muss man sagen, dass die Wirkmechanismen der Passionsblume noch nicht restlos aufgeklärt werden konnten. Sie sind komplex und nicht auf einen Rezeptor im ZNS beschränkt. Es liegen eindeutige Belege für die Wirksamkeit der Passionsblume gegen (klonische) Krämpfe bei Ratten vor. Passionsblume könnte also auch für die Behandlung von Epilepsie beim Menschen wirksam sein und als nebenwirkungsarme Alternative in Betracht gezogen werden.4 Ein einziges Molekül aus der Passionsblume scheint aber nicht für die vielfältigen Angriffspunkte im ZNS zuständig zu sein und konnte bisher nicht aus der Passionsblume isoliert werden. Aufgrund der positiven Erfahrungen ist die Passionsblume jedoch ein anerkanntes Heilmittel, insbesondere gegen Angst und Nervosität und vielleicht in den nächsten Jahren auch gegen Epilepsie.


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Passionsblume gegen Angst


1https://en.wikipedia.org/wiki/%CE%9A-opioid_receptor#Function
2Tortella FC, Robles L, Holaday JW (Apr 1986). "U50,488, a highly selective kappa opioid: anticonvulsant profile in rats" (PDF). The Journal of Pharmacology and Experimental Therapeutics 237 (1): 49–53. PMID 3007743.
3https://en.wikipedia.org/wiki/Ibogaine


4BMC Complement Altern Med. 2007; 7: 26.
Published online 2007 Aug 8. doi:  10.1186/1472-6882-7-26
PMCID: PMC1973074
Anticonvulsant effects of aerial parts of Passiflora incarnata extract in mice: involvement of benzodiazepine and opioid receptors
Marjan Nassiri-Asl,1 Schwann Shariati-Rad,2 and Farzaneh Zamansoltani3

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