Samstag, 9. April 2016

Pflanzliche Rauschdrogen – Vergiftungen

In jeder menschlichen Kultur sind pflanzliche Rauschdrogen bekannt. Medizinisch werden der Rausch und die akute Vergiftung gleichgesetzt, als ein Zustandsbild nach Aufnahme einer psychotropen Substanz mit Störungen von Bewusstseinslage, kognitiven Fähigkeiten, Wahrnehmung, Affekt, Verhalten oder anderer psychophysiologischer Funktionen. Im Alltag der Notfallretter ist die Versorgung akuter Vergiftungen mit pflanzlichen Rauschdrogen leider häufig. 

Der wiederholte Konsum führt bei pflanzlichen Rauschdrogen zur Gewöhnung und ist schädlich. Neben Alkohol sind Opium, Cannabis sowie Bilsenkraut oder verwandte Pflanzen seit Jahrtausenden als psychisch wirksam bekannt und bis heute im Gebrauch. Pflanzliche Rauschdrogen sind nicht zu verwechseln mit pflanzlichen Drogen, denn der Begriff pflanzliche Droge steht für Phytopharmaka oder Heilpflanze und nicht für Rauschdrogen. Als Droge wird pharmakologisch richtiger die Pflanze oder der Pflanzenteil einer Heilpflanze bezeichnet. 


Cannabis Blüte



Cannabis
Haschisch und Marihuana werden meist geraucht oder – seltener- z.B. Als Gebäck oder Tee aufgenommen. Selten führen auch bei Cannabis unerwünschte Nebenwirkungen zu einer Notfallbehandlung. Es kann ein ausgeprägter Verwirrtheits- oder Angstzustand oder ein psychotischer Zustand wie beispielsweise Depersonalisation bei einer Person auftreten, die Cannabis konsumiert hat. Sehr selten kommte es auch zu einer Psychose, die eine Weiterbehandlung in der Psychiatrie notwendig macht.


Der Konsum von Cannabis ist mittels eines Drogentests leicht nachzuweisen. Ein positives Testergebnis kann auch durch einen schon Wochen zuvor beendeten regelmäßigen Cannabis-Konsum verursacht sein.



Hyoscamin- oder Scopolaminhaltige Pflanzendrogen (Anticholinergika)
In vielen Nachtschattengewächsen wie dem Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), der Tollkirsche (Atropa belladonna), im Stechapfel (Datura stramonium) und in der vor 10 Jahren als Auslöser von Vergiftungen häufig vorkommenden Engelstrompete (verschiedene Burgmansia-Arten) sind Hyoscamin und Scopolamin die wichtigsten Vertreter der rauscherzeugenden Tropanalkaloide.

Diese legal verfügbaren Gifte verursachen immer wieder zeitlich begrenzte Epidemien. In den letzten Jahren sind Vergiftungen durch Tropanalkaloide selten geworden. Die Konsumenten sind meistens zwischen 14 und 20 Jahren alt. Oft werden frisch bereitete Teeaufgüsse aus dem Pflanzenmaterial getrunken, wobei die Dosierung der Nachtschattengewächse Schwierigkeiten bereitet und es zu Vergiftungen durch Überdosierung kommt. Die Samen des Stechapfels enthalten Gift in hoch konzentrierter Form und daher kann es beim Verzehr mehrerer zerstoßener Samen zu gravierenden Nebenwirkungen kommen. 

In dem Video werden Tollkirsche und Stechapfel gezeigt und kommentiert.




Es kommt bei einer Vergiftung mit Nachtschattengewächsen zur Pupillenweitung (Mydriasis), trockener Haut und Schleimhaut sowie Herzrasen. Durch Fehlwahrnehmungen sind die Patienten besonders unfallgefährdet. Besonders zu Vergiftungen bei Kindern kann es kommen, wenn sie versehentlich die hübschen Blüten und Früchte essen. Die Therapie besteht in Reizabschirmung und bei starken deliranten Symptomen in der Gabe des Gegenmittels Physiostigmin. Es kann auch eine Sedierung notwendig sein, die z.B. mit Benzodiazepin erfolgen kann.


Goldgelbes Bilsenkraut (Hyoscyamus aureus) 

Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)

Tafel



Neuartige psychoaktive Substanzen (NPS)
Während im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends vorwiegend pflanzliche Drogen im Fokus der Drogenszene standen, sind in den letzten Jahren Drogen chemisch-synthetischen Ursprungs hinzu gekommen, die der Gruppe der Cannabinoide oder der Gruppe der Stimulanzien zuzuordnen sind. Händler verschleiern die Drogen als Badesalz, Düngemittel oder als Räucherware zur Raumbeduftung! Mitunter wurde auch der Begriff legal-highs für neuartige psychoaktive Substanzen verwendet, wobei auf den rechtlichen Status bezug genommen wurde. Seit dem Jahr 2013 hat sich der Begriff new psychoactive substances durchgesetzt. NPS kommen zurzeit in Form von Pulvern, Tabletten, aber auch in Form synthetischer Cannabinoide vor, die im Gemisch mit Pflanzenmaterial als Rauschdroge geraucht werden.

Synthetische Cannabinoide werden meist im Gemisch mit Kräutern angeboten und geraucht wie Cannabis. Die ersten Produkte dieser Gruppe wurden als Spice vermarktet. Eine spezifische Behandlungsmöglichkeit von Vergiftungen durch NPS besteht nicht, weil die Wirkstoffe zu neu und zu vielfältig sind. Die vergifteten Patienten sollen in ruhige Umgebung gebracht werden und sofern erforderlich mit einem Benzodiazepin sediert werden, wenn es zu unerwartet starken psychischen Wirkqualitäten, Angst oder Erregung mit Herzrasen kommt. Auch bei Krampfanfällen wird mit Benzodiazepin behandelt oder wenn dies versagt kann ein Barbiturat den Krampfanfall stoppen. Neuroleptika sind nur bei nicht ausreichender Wirksamkeit hoher Benzodiazepindosen angezeigt.

Giftinformationszentrale GIZ
Giftinformationszentren (GIZ) können durch die Dokumentation vieler Drogenberatungsfälle helfen, neue Vergiftungen und aktuelle Trends frühzeitig zu bewerten und zu erkennen. Insbesondere bei unklarer Vergiftung durch Rauschdrogen sollte frühzeitig ein GIZ kontaktiert werden, dann kann das GIZ geeignete Therapien vorschlagen.

Fazit
Von dem Konsum pflanzlicher Drogen wird abgeraten. Pflanzliche Drogen werden dennoch die Notfallmediziner in Zukunft beschäftigen.  



Quelle:

H.Desel, D.Müller. Alte und Neue Drogen – Vorgehen im Notfall. S. 182 – 194. A&I Anästhesiologie & Intensivmedizin, 57.Jahrgang, April 2016.