Samstag, 14. September 2019

Das Unmögliche IX

 
Siegfriedbrunnen Blattgold Dr.Becker ®


Matze saß in der WG-Küche, um am Gruppenleben teilzunehmen. Seine Mitbewohner tobten durch die Wohnküche und nahmen ihn kaum wahr.
„Ey Alter, warum ziehste dich den so zurück?“ Fragte Günther.
Matze erschrak, denn er hatte dies in seinem inneren Bezugssystem gar nicht so wahrgenommen. Für ihn hatte die Situation den Anschein genommen, dass sie alle in ihre Tätigkeiten versunken waren und dennoch eine Verbindung zwischen ihnen bestand. Der eine räumte vielleicht auf, der andere suchte etwas und Matze saß ruhig da und spürte seinen Gefühlen nach. Dabei schaute er sich die Szenen an, die sich in der WG abspielten. Ihn amüsierten die schnippischen Kommentare, welche seine Atzen sich an den Kopf warfen und er beneidete sie für ihre Berliner Schnauze. Sie führten in ihrer Freizeit ein vermeintlich freies und leichtes Leben. Der Lebensmittelpunkt fand abends und nachts beim Feiern statt. Dann redeten sie über Kulturtheorie, große Ideen von Freiheit, davon, zu tun was sie wollten und von der Gleichheit aller Menschen.
»Ich dachte gerade darüber nach, ob wir heute Abend zum Weinfest am Rüdesheimer Platz gehen wollen. Ich möchte mir gerne den Siegfriedbrunnen aus der Nähe ansehen.« Sprach Matze. Günther erwiderte ganz verdattert:» Wie kommste denn jetzte schon wieder darauf? Ick versteh dir nicht. Wat willste denn da bei den Bonzen? Lass uns doch nach Friedrichshain gehen. Dort spieln ´se ´n Theaterstück für kleenet Jeld.«

Als Matze noch studierte, hätte er es nicht gewagte, sich so spontan zu verhalten wie seine Atzen, weil er zu große Angst vor den seiner Vorstellung nach schrecklichen Folgen eines solchen Lebens gehabt hatte. Inzwischen hatte er mit eigenen Augen gesehen, dass die größere Ungeniertheit, mit der die Anarchisten sich des Lebens bemächtigten, was sie wollten, oder sich Luft machten, nicht zu katastrophalen Folgen führte. Die Ängste, die ihn früher vom Leben zurückgehalten hatten und ihn hinderten seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, konnten sich langsam auflösen. Matze fühlte sich beim Feiern mit seinen Atzen trotz alledem manchmal unwohl, denn es kam ihm wie ein Wettbewerb um eine leere Beliebtheit vor. Darum blieb er immer öfter zu Hause, wenn die anderen abends unterwegs waren.
An diesem Abend willigte Matze dennoch in Günthers Vorschlag ein und tauschte den Siegfriedbrunnen gegen ein subversives Kneipentheater, um den Abend nicht alleine zu verbringen. Die Spelunke war ein Projekt, das eine freie Bühne für Künstler bot. Ihnen dienten Vorbilder wie Che Guevara oder sich von der Gesellschaft deutlich abgrenzende Musiker und sie erwarteten hieraus reichliche und vorhersehbare Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Thematisch hatte das Bühnenprogramm an diesem Abend einiges zu bieten. Ein Künstler trat mit einer Maske auf, die aussah, als wäre sein Gesicht mit Säure übergossen worden und die Gesichtszüge geschmolzen, wie auf Brot verstrichene Erdnussbutter. Der Mann mit dem völlig entstellten Gesicht trug ein T-Shirt mit der Aufschrift Deutschland und hatte einen Hut mit Deutschlandfahne auf dem Kopf. Er wurde auf der Bühne vorgeführt. Matze fragte seine Atzen, ob sie dies auch so geschmacklos fänden. Das ging jedoch in dem Gegröle und Gejaule des Publikums unter. Matze ertrug die Stimmung in der Kneipe nicht mehr und verließ fast unbemerkt den Schuppen.
Matze hatte eine oberflächliche Anpassung an den Zeitgeschmack und die Interessen der anderen entwickelt und kam mit jedermann aus. In seinem Inneren trug Matze jedoch das ungute Gefühl, nicht vollständig integriert zu sein. Sein jetziges Leben fühlte sich nicht wie ein geschlossenes Ganzes an. Die WG war ein Milieu, in dem Matze bisher keine emotional bedeutsamere Beziehung zustande gebracht hatte. An diesem Abend spürte leidvoll, dass er anders gestrickt war. Matze fuhr zurück nach Charlottenburg, änderte während der Fahrt sein Ziel und stieg in die U3 Richtung Rüdesheimer Platz. Dort stieg er aus und ließ sich auf einer Bank nieder. Es war mitten in der Nacht und Matze saß allein unter einem großen Baum. Es war still und das Rauschen der Blätter im Wind löste in ihm ein friedliches Gefühl aus. Der Siegfriedbrunnen plätscherte. Das Geräusch erinnerte ihn an das Gemurmel des Duftbrunnens in der Psychoanalysepraxis. Morgen wollte er dort wieder hingehen. Matze saß noch eine Weile in der Dunkelheit, sog den Duft der ihn umgebenden Bäume und Sträucher ein und fühlte für einen kurzen Moment die Freiheit. Dann führte sein Weg ihn wieder zurück in die WG. In dieser Nacht konnte Matze besonders gut schlafen.

Freitag, 6. September 2019

Das Unmögliche VIII

 

U-Bahn Berlin Richard-Wagner-Platz. Quelle



Maxe lag auf der Psychoanalysecouch. Er hatte sich zur Sitzung um 10 Minuten verspätet, weil er in der U-Bahn ein Buch gelesen hatte und dabei den U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz verpasst hatte, wo Maxe hätte aussteigen sollen. Er wusste nicht, was er heute hätte erzählen können. Sein Kopf war leer.
«Schweigen Sie, weil Ihre Verspätung Ihnen unangenehm ist?» Fragte Dr. Kluge-Meier.
«Das passiert mir sonst eigentlich nie, dass ich zu spät komme. Die Termine bei Ihnen sind mir sehr wichtig, denn ich möchte ja, dass sich etwas in meinem Leben verändert.»
«Was würde das für Sie bedeuten, wenn sich etwas in ihrem Leben verändern würde?»
«Ich hoffe, dass ich dann glücklicher sein werde und mein Leben wieder in den Griff bekomme.»
«Würde das ihr jetziges Leben verändern?»
«So wie ich derzeit in den Tag hinein lebe, würde es nicht mehr sein können. Morgens müsste ich mir den Wecker stellen und abends könnte ich nicht bis in die Puppen mit meinen Atzen in der Kiezkneipe klönen. So wie es jetzt ist, hat es auch seine angenehmen Seiten, die ich nicht missen möchte. Das könnte ich dann nur am Wochenende so machen.»
Warmherzig hakte Dr. Kluge-Meier noch einmal nach: «Haben Sie Angst vor Veränderung durch die Therapie?»
Maxe fühlte sich unangenehm berührt, so als hätte man ihn beim heimlichen Popelessen beobachtet und darauf angesprochen.
«Natürlich nicht! Deshalb komme ich doch zu Ihnen.» Wehrte Matze vehement ab und merkte wie er sich verteidigte, obwohl der Arzt ihn gar nicht angegriffen hatte.
«Es ist seltsam, was hier vor sich geht. Ich möchte, dass mir geholfen wird und gleichzeitig sabotiere ich mich selbst, indem ich zu spät komme. Wenn Sie mich darauf ansprechen, fühle ich mich wie ein Kind von Mutters ertappt, weil es an der Keksdose genascht hat. Es ist beschämend, daher verleugne ich es vor ihnen. Vor mir selbst kann ich es nicht verleugnen, weil ich den Widerspruch spüre. Ich will mich nicht selbst belügen.»
«Warum kamen Sie zu spät?»
«Ich las ein Buch über moderne Kulturwissenschaften und war so versunken, dass ich den U-Bahnhof verpasste.»
«Welchen Bahnhof?»
«Na, den mit den schwarz-rot-gelben Fliesen. Wie heißt er denn gleich? Ich komme einfach nicht auf den Namen, dabei ist er mir geläufig. Ich steige jedes Mal dort aus, wenn ich zu Ihnen komme.»
«Was verbinden Sie mit dem U-Bahnhof?»
«Was soll ich schon mit diesem U-Bahnhof verbinden? Ich fühle mich dort völlig fremd. Vielleicht verbinde ich damit unterschwellige Aggressionen und Wut. Der Bahnhof ist in den Farben der Deutschlandfahne gefliest und ist nach dem Komponisten Richard Wagner benannt, der mich an die Walküre erinnert.»
«Die Walküre ist der Titel einer Oper von Richard Wagner. Sie bildet zusammen mit den Opern Das Rheingold, Siegfried und Götterdämmerung das Gesamtwerk Der Ring des Nibelungen.»

Siegfried im Herrnsheimer Schlosspark. Quelle


«Siegfried sagt mir etwas. Als Schüler war ich mit der Klasse mit meinem Geschichtslehrer im Siegfriedmuseum in Xanten. Beim Bad im Drachenblut war ein Lindenblatt auf Siegfrieds Rücken gefallen und somit dort kein Schutz mehr vorhanden. Kriemhild hat diese Stelle Hagen verraten, der später den linken Mord begann. Ein Lanzenstich führte zum Tod Siegfrieds.»
«Wo ist die Stelle, an der das Lindenblatt auf Ihren Rücken gefallen ist?»
«Darüber habe ich auch schon oft nachgedacht. Ich fühle mich verwundbar und werde auch immer wieder von meinen Mitmenschen verletzt. Warum dies so ist, verstehe ich bisher nicht. In meinem Tun verfolge ich stets die besten Absichten.»
Gelöst verließ Matze an dem heutigen Tag die Sitzung. Beim Anziehen seiner Jacke im Vorzimmer saugte er noch einmal den Duft aus dem Aromabrunnen auf und lauschte dessem Gemurmel.


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Freitag, 12. Juli 2019

Das Unmögliche VII

Che Guevara. Quelle: Wiki commons

«Heute morgen saß ich in der Küche und nahm mein Frühstück ein. Ich aß Magerquark mit Haferflocken, als mein Blick an dem Che Guevara Poster hängen blieb. Genauer gesagt fixierte ich den Stern auf seiner Mütze und dachte darüber nach, ob Che mir Weltorientierung bot. Mein Mitbewohner Günther kam in dem Moment herein und riss mich aus meinen Gedanken. Er fragte mich, ob Dit was für’n hohlen Zahn war, was ich aß, und ging zum Kühlschrank hinüber, um sich Wust und Brot für sein Frühstück zu holen. Ich reagierte nicht und löffelte weiter aus meiner Schüssel.
``Is aba warm heute, wa?``
Meinte Günther und setzte sich zu mir an den Tisch. Günther wollte ein Gespräch beginnen, aber es war wohl mehr ein Monolog, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte.
``Ick hab jestern mit meen Atze schnabuliert. Der hat ville jelabert, wesste?``
Günther bediente sich ganz selbstverständlich an meiner Kaffeekanne ohne mich zu fragen, ob er auch einen Kaffee trinken könnte.
``Dit Muckefuck is pyramidabel. Na du oller Nieselpriem, bist ja heute nich jrade jesprächich, wa? Kannste ooch ma wat sajen?``
``Denkst du Che hat gewusst was er da tut?`` Fragte ich.
``Dit wees kehna! Wat willste mia jetze verklickern?``
``Sein Hinscheiden im Namen einer revolutionären Bewegung machte Che zu einem Märtyrer in der ganzen Welt. Che Guevara ist in unserer Zeit ein Idol.`` antwortete ich.
``kiek dia dat ma an! Wat für ‘ne Klitsche!``
Günther musterte mich, aß seine Stulle und trank den Kaffee aus.
``Dit is pillepalle! Hör uff dir so abzupuckeln! ``
Ganz unbedarft stand er dann auf, ging zur Tür und verabschiedete sich.
``Ick mach mir uff die Socken.`` Sagte er zum Abschied.
Ich saß noch immer am Küchentisch und dachte über Weltorientierung und Handlungsführung nach. Wenn ich revolutionär sein wollte, dann müsste ich meine Handlungen auch dementsprechend ausrichten. Woher nahm Günther seine Orientierung? Während ich grübelte, war er schon längst tätig und veränderte vielleicht die Welt!»
«Was ging da vor sich?»
«Diese Begegnung heute Morgen führte mir meine ganze Unfähigkeit vor Augen, ein normales Leben zu führen. Günther macht einfach und stellt keine Fragen. Dabei ist er glücklich. Ich fühle mich gehemmt und stelle zu viele Fragen, dabei bleibe ich auf der Strecke. Ich möchte mein Leben so gerne sinnvoll verbringen, weiß aber ich einfach nicht wie. Günther hält mich für maulfaul und bedient sich an meinen Sachen, weil ich mich nie darüber beschwere. Ich glaube, er hält mich für dumm, weil ich so ruhig bin.  Irgendwann wird er selbst darauf kommen und aufhören, hoffe ich. Ich mag ihn dennoch, grade wegen seiner groben Art. Sie zeigt mir meinen eigenen Mangel auf.»



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Das Unmögliche VI

Samstag, 6. Juli 2019

Das Unmögliche VI

Nordstern - North star. Quelle: Free Nature Stock on Pexels.

«Es war eine Contradictio in adjecto, ein Ding der Unmöglichkeit. In meinem Traum wollte ich Laufen, aber dabei kam ich nicht von der Stelle, so sehr ich mich auch anstrengte. Irgendwann kam ich vorwärts, aber die beiden anderen Läufer in meinem Traum waren schneller als ich. Ich fühlte mich träge, verzweifelt und enttäuscht über meine eigene Unfähigkeit schnell zu Laufen.»
«Könnte es sein, dass Sie von der Erfahrung geträumt haben, dass sie nicht fähig waren Höheres zu leisten, obwohl Sie das gerne wollten?»
«Es könnte mein berufliches Scheitern als Arzt sein, aber den Traum hatte ich bereits als Kind und er wiederholt sich immer wieder. Es war so, als würde mir der Unterbau fehlen, damit die Tätigkeit mit Leichtigkeit geschieht. Jeden Tag war eine große Anstrengung nötig, um zu funktionieren. Letzen Endes war meine Bereitschaft dazu erschöpft und ich entschied mich für ein Leben, in dem weit weniger von mir erwartet wurde, als ich zu leisten vermag. Ich ging den einfacheren Weg, weil ich den Schweren nicht gehen konnte, obwohl ich es wollte.»
«Was hielt sie ab?»
«Irgendetwas in mir ließ mich scheitern, obwohl ich den Willen hatte zu funktionieren. Ich vergaß meine Ziele wieder und wieder und konnte sie nicht verfolgen. Das was ich erreicht hatte, entglitt mir wieder, denn es erschien mir wertlos. Irgendwie wurde die Welt um mich herum unwirklich. Ich fühlte mich allein und konnte keine Verbindung zu meinen Mitmenschen halten. Die Kommunikation funktionierte nurnoch oberflächlich. Ich konnte nichts spüren, außer Niedergeschlagenheit und Leere in allen Dingen.
«Das war vermutlich schlimm für Sie.»
«Bis heute ist der innere Zustand so geblieben. Es geht mir nicht mehr so schlecht wie damals als ich kündigte, aber die Entfremdung und der Schwermut sind meine treuesten Begleiter geblieben. Sie sind wie Blei an meinen Füßen. Als würde ich Moonboots auf der Erde tragen, wo die Schwerkraft meine Emotionen hinunterzieht. Den anderen scheint diese Schwerkraft im Alltäglichen zu fehlen. In meiner WG ist es so, als lebte ich auf dem Mond und würde zu den Erdbewohnern hinüberschauen, nur ist es mit der Schwerkraft umgekehrt. Sie springen leichtfüßig und schwerelos auf Erden umher, während ich in Ketten gelegt auf dem Mond gefesselt bin.»
«Wollen sie den die Ketten sprengen und frei sein?»
«Ja, wenn ich wüsste wie.»
«Sehen Sie den Nordstern am Himmel? Der kann Ihnen zur Orientierung dienen.»
«Wie meinen Sie das?»
«Warum fragen Sie?»
«Meinen Sie ich sei orientierungslos? Manchmal ist meine Aufmerksamkeit zerstreut und ich bin unkonzentriert. Mein Leben führe ich derzeit unbeständig, so wie es mir gefällt. Ich stehe auf, wann ich will, lebe in den Tag hinein. Meine Sinne sind nicht wirklich auf ein Ziel fokussiert. Meine Fähigkeiten als Arzt schlafen, denn ich habe derzeit andere Bedürfnisse, als Menschen zu helfen. Ich möchte herausfinden, was mein wahres Ansinnen ist. Bisher fand ich nur konfuse Sehnsüchte, geteilte Aufmerksamkeit und stumpfwitternde Sinne. Das alles ist ohne einen inneren Zusammenhang, ohne Bedürfnisse oder Handlungsstruktur. Ich bin weltoffen, aber es fühlt sich nicht wie Freiheit an.»



Earthrise. Quelle: Wikimedia commons



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 Das Unmögliche V

Mittwoch, 26. Juni 2019

Das Unmögliche V


Quelle: Photo by Kat Jane from Pexels

«Sie haben gesagt, dass ich alles äußern soll, was mir in den Sinn kommt. Ich habe darüber nachgedacht und festgestellt, dass es sehr ungewöhnlich ist alles auszusprechen, was man denkt. Wenn ich mit jemandem rede, dann spüre ich oft einen feinen inneren Widerstand, das zu sagen was ich denke, weil ich gelernt habe was man sagen darf und was nicht. Ich sehe mich vor, dass ich mir selbst mit dem Gesagten keinen Schaden zufüge. Das alles passiert ganz automatisch in Bruchteilen von Sekunden, aus einem Gefühl heraus.»
«Was ist das für ein Gefühl?»
«Wenn ich das Richtige sage, dann entsteht ein Gefühl von Akzeptanz durch das Gegenüber bei mir. Ich fühle mich dann angenommen. Es ist aber nicht immer so, dass ich mich auch verstanden fühle. Ich sage ja nicht das, was ich meine, aus Angst davor abgelehnt zu werden. Ich würde Verurteilung befürchten, wenn ich das Falsche aussprechen würde. Bei mir zu Hause wurde über einige Themen nicht gesprochen.»
«Gab es Tabus?»
«Die müssen, so wie ich Angst davor gehabt haben nicht mehr gemocht zu werden, wenn sie über gewisse Dinge reden würden.»
«Gewisse Dinge?»
«Meine Großeltern haben fast nie über ihre Jugend und den Krieg gesprochen, obwohl es das Geschehnis des letzten Jahrhunderts war. Ich glaube, dass meine Großeltern anfangs nicht fähig waren, das Vorgehen der Psychological Warfare Division, deren psychologische Propaganda-Kampagne eine deutsche kollektive Verantwortung entwickeln sollte*, zu durchschauen und später das Geschehene nicht mehr hinterfragten. Die anglo-amerikanische psychologische Kriegsführung wollte mit Filmen wie die Todesmühlen im Rahmen der Umerziehung und Entnazifizierung erfolg haben, Alfred Hitchcock lieferte Teile des Filmmaterials.
Was unausgesprochen blieb, geht noch viel tiefer, befürchte ich. Es sind die eigenen Wunden, die sie nicht lecken durften. Ausbombung, Flucht und Vertreibung sowie Kriegsgefangenschaft. Familienangehörige, die auf der Flucht starben, gab es zu betrauern. Ebenso wie die verlorene Heimat im Osten. Die Gefallenen Soldaten zu ehren war tabu, denn sie galten als Kriegsverbrecher. Dabei waren es geliebte Väter und Brüder. Verbrechen, am eigenen Leib erlebt, zu betrauern war tabu, denn man trug als Angehöriger des deutschen Volkes Mitverantwortung an den Kriegsverbrechen und konnte froh sein noch am Leben zu sein. Am Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in Deutschland zu massenhaften Vergewaltigungen, insbesondere durch Soldaten der Roten Armee. Es wurden zwei Millionen deutsche Frauen vergewaltigt.** Meine Großmutter war eine von diesen Frauen, sprach aber nicht darüber. Auf das Unrecht, was einem selbst widerfahren war hinzuweisen, war undenkbar, denn als Schuldiger hatte man nicht das Recht anzuklagen. Wissen Sie, dieses seltsame Schweigen, das Fehlen der Unbefangenheit spürte ich. Als Kind empfand ich das Zusammensein in meiner Familie und in der Schule irgendwie bedrückend. Ich lernte, alles schweigend zu ertragen, aus Angst und Schuldgefühl. Doch das Schweigen hinterließ eine beklemmende Leere in mir. Ich habe dann als Jugendlicher gedacht, als Individuum wäre frei und habe nach einer eigenen Persönlichkeit gestrebt. Dabei habe ich mich selbst verloren. Heute bin ich so entfremdet von meiner Familie, anderen Menschen, Regeln und Moral, dass ich keinen Halt im Leben mehr verspüre. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als nicht mehr allein zu sein und irgendwo dazu zu gehören. Also sage ich auch nicht, was ich denke, denn sonst müsste ich mit meinem schlechten Gefühl klarkommen. Wenn Sie mich mit meinen Freunden reden hören würden, dann wäre ich immer politisch korrekt.»
«Ich möchte mit Ihnen gemeinsam versuchen Sie zu verstehen und Ihnen helfen. Die Krux mit der Scham vor der Selbstenthüllung bleibt keinem Patienten, der zum Analytiker geht, erspart.»
«Solange geschwiegen wird, gibt es also keine Entlastung. Naja, es ist ja nicht wie bei einem Stasi-Verhör bei Ihnen.»
«Stasi-Verhör?»
«Ja. In der DDR gab es sogar ein eigenes psychologisches Forschungs- und Lehrfach, um politische Gegner zu zersetzen, die Operative Psychologie. Im Grunde wusste keiner, wem er vertrauen konnte und ob er grade ausgehorcht wurde.»
Es folgte eine Weile des Schweigens im Behandlungszimmer. Matze lag auf der Behandlungsliege und schaute aus dem Fenster. Vor der Fensterscheibe stand eine Linde, durch deren Blätter die Sonne glitzerte. Matze räusperte sich und fuhr fort:
«Die Angst beim Sprechen fühlt sich real an, denn mein Herz schlägt dann schneller, mitunter schwitze ich auch. Eigene Gedanken zu produzieren ist eine Situation, die ich mit Gefahr assoziiere. Es fühlt sich so bedrückend an wie ein Schatten, der sich über mich legt, die Umgebung verdunkelt und mich isoliert. Meine Meinung zum Ausdruck zu bringen vermeide ich für gewöhnlich, denn dabei fühle ich mich nicht sicher. Manchmal habe ich auch das Gefühl beim Sprechen vor anderen Leuten aus mir herauszutreten. Dann bin ich nicht ganz bei mir.»
«Angsterkrankungen stellen in Deutschland mit schätzungsweise 10 Millionen Betroffenen die häufigste psychische Erkrankung dar. Sie sind mit ihrer Angst in guter Gesellschaft. Die irrationale Angst ist nicht so irrational, wie Sie vielleicht denken. Einer Angststörung liegen immer reale, nicht verarbeitete, überfordernde, ängstliche Erfahrungen zugrunde.***»
«Ich wollte Sie heute auf die Probe stellen. Sie haben gelassen reagiert. Ich konnte vorher nicht glauben, dass es irgendwo auf der Welt keine Denkverbote, keine Tabus oder Grenzen des Sagbaren geben soll. Das ist wirklich faszinierend, so einen geschützen Raum wie bei Ihnen gibt es für mich nirgendwo sonst. Das finde ich gut. Wir sehen uns dann zum nächsten vereinbarten Termin wieder.»



* https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektivschuld
** Glaesmer, Heide. Ärztliche Psychotherapie 2019; 14:73-150. Schattauer.  Langzeitfolgen der traumatischen Erfahrungen aus dem zweiten Weltkrieg in der deutschen älteren Bevölkerung. S.86.
***Allgöwer, Annette. Der Hausarzt 11/ 2019. Diagnose Angst: Wie Verhaltenstherapie wirkt. S.46.



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Samstag, 22. Juni 2019

Das Unmögliche IV

Überlebende der Bismarck werden an Bord gezogen.
Aufgenommen am 27. Mai


«Sie können mir erzählen, wie Sie die sie umgebende Welt betrachten.»
«Seit ich denken kann, empfinde ich es als beschwerlich mich mit mir selbst und mit der Welt auseinanderzusetzen. Bisher habe ich Garnichts erkannt außer, dass das Leben ein Chaos ist und dass die Menschen Schwächen haben. Es lohnt sich nicht etwas zu tun, weil es keinen Grund gibt für ein morgen zu leben. Jeder Mensch lebt für sich allein und es ist egal ob ich unter ihnen weile oder tot bin. Vielleicht erinnert sich mal kurz einer an mich, wenn ich tot bin, aber mehr ist da nicht. Seit zwei Jahren bin ich arbeitslos und beziehe Harzt IV. Davor war ich als Assistenzarzt in der Unfallchirurgie tätig. Doch dieses Leben, der Trott Tag ein Tag aus auf der Arbeit, hatte keinen Sinn für mich. In meinem Beruf sah ich keine Zukunft und so gab ich meine Tätigkeit auf, um etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun und die Welt besser zu machen. Dies hat mich noch mehr frustriert, weil es unendlich schwer ist mit Ideen bei den Menschen durchzudringen. Sie wollen in Ruhe gelassen werden und sind nicht offen für Neues. Nichts zum Besseren verändern zu können lähmt mich. Mittlerweile lebe ich nurnoch in den Tag hinein, komme nicht mehr über das Nächstliegende hinaus, eine Chance sehe ich nicht. Weder für mich noch für die Menschen. Nichts interessiert mich noch, selbst der Protest gegen das Establishment hat seinen Reiz verloren. Es hatte einen ganz besonderen Reiz, meinen angesehenen Job hinzuwerfen und mich gegen den Mainstream zu stellen. Alles war spannend und die Szene in Berlin so aufgeschlossen. Wir wollten gemeinsam eine bessere Zukunft rocken. Jetzt scheinen meine Atzen mir im Grunde nicht besser zu sein als alle anderen. Sie haben die gleichen Schwächen und Fehler wie alle anderen und ihre Weltsicht hat sie nicht automatisch zu besseren Menschen gemacht. Es ist nicht richtig, Andersdenkende zu Unmenschen zu erklären. Mit ihren radikalen Sprüchen kann ich mich nicht mehr identifizieren. Diese Neigung stört mich an meinen Freunden. Seitdem habe ich kein Ziel mehr. Meine wahren Bedürfnisse und Interessen kenne ich nicht. Letztens habe ich eine Kurzgeschichte gelesen, die mich sehr bewegt hat. Es ist eine Allegorie über einen deutschen Soldaten. Die Kurzgeschichte heißt Cyborg Memories. Ich habe mich jetzt erstmals mit den Verbrechen der Aliierten an den Deutschen beschäftigt, weil in der Kurzgeschichte der Todeskampf auf einem Schiff mit Soldaten und Zivilisten sprachlich dargestellt wird. Vielleicht ging es den Menschen auf der versenkten Wilhelm Gustloff so wie in dieser Kurzgeschichte und vielleicht konnten die Überlebenden die schrecklichen Bilder von damals nie wieder vergessen. Die Deutschen werden von meinen Atzen gerne als gefühlskalte Monster dargestellt, so als wären sie Cyborgs ohne Gefühle. In dem Buch werden die Cyborgs für Arbeiten in Müllanlagen eingesetzt und sie haben verlernt, sich zu wehren. Ich interpretiere dieses als eine Parallele zur Last der Erbschuld, die auf den Deutschen liegt. Vor einigen Tagen habe ich mir den Bombenatlas der Briten heruntergeladen. Ich bin entsetzt darüber, dass die Leute, die ich für sensibel und feinfühlig hielt diese Grausamkeiten als Vergeltung an den Deutschen gut heißen und Deutschland so sehr hassen, dass sie es abschaffen wollen. Ich denke es, muss Unkenntnis sein, die sie dazu treibt.
«Warum reden Sie nicht mit ihren Freunden darüber was Sie bewegt?»
«Mit ihnen darüber zu sprechen kam bisher nicht in Frage, denn andere Freunde hätte ich nicht, wenn sie mich ausgrenzen würden. Jedes Mal wenn ich meine Mitbewohner sehe, spüre ich einen Druck auf meiner Brust und es schnürt sich mein Hals zu. Das macht mir Angst, denn ich weiß nicht, was das ist.»
«Könnte es ein Gefühl sein?»
«Ja. Es macht mir Angst, vielleicht ist es Angst.»
«Gibt es einen Grund, warum Sie Angst vor ihren Mitbewohnern haben sollten?»
«Nein, eigentlich verstehen wir uns gut. Keiner von denen würde mit etwas antun. Aber da ist auchnoch diese Wut, die ich nicht rauslassen kann, denn die können ja nichts dafür, dass ich solche Gedanken habe. Ich glaube ja, mit mir stimmt etwas nicht. Dafür kann ich denen nicht die Schuld geben. Dann würde ich ja etwas falsch machen und vielleicht würden sie mich dann nichtmehr mögen.»
«Sehen Sie, dieses Gefühl auf der Brust hängt doch damit zusammen, dass sie sich nicht trauen, ihre Bedürfnisse zu äußern. Möglicherweise tragen Sie selbst ein altes Schuldgefühl mit sich herum. Vielleicht berührt Sie die Kurzgeschichte Cyborg Memories deshalb auch zutiefst, weil Sie ihre Gefühle nicht zeigen können wie ein Roboter und sich daher auch nicht richtig im Leben durchsetzen können. Darüber sind sie wütend. Aber auf sich selbst und nicht auf die anderen, denn die können ja nichts dafür, wie Sie richtig erkannt haben. Sie müssen an sich selbst etwas verändern und an sich selbst arbeiten, aber es ist alles gut, denn das tun Sie ja bereits.»
«Ja, das könnte so ähnlich wie Sie sagten mit der Angst, den Schuldgefühlen und der Wut bei mir ablaufen.»
«Na, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und bis zum nächsten Mal.»




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Samstag, 15. Juni 2019

Das Unmögliche III

 
 Sigmund Freud (1856-1939), am 16. Mai 1905.  Quelle: Wikimedia commons, Link.


Maxe fand sich bald im Wartezimmer einer psychoanalytischen Praxis wieder. Aufgrund der Einrichtung versuchte er, sich ein Bild vom Psychoanalytiker zu machen. Weiß getünchte Wände, alte Gemälde an den Wänden, Stühle aus hellem Holz. Am Fenster stand ein Dickicht aus sorgfältig gepflegten Grünpflanzen. In einer Ecke des Zimmers verströmte ein Duftbrunnen ein wohlriechendes Aroma, welches Maxe an die Lavendelsäckchen seiner Großmutter erinnerte. Maxe hatte sich telefonisch angemeldet, sein Problem kurz beschrieben und eine Woche später einen Termin zur therapeutischen Sprechstunde bekommen. Er hatte die Hoffnung angenommen zu werden, damit das Arbeitsamt aufhörte Druck zu machen und damit sich vielleicht etwas in seinem Leben änderte. Am Telefon klang der Analytiker verständnissvoll aber auch bestimmt, weshalb Maxe befürchtete, dass der Analytiker ihn vielleicht nicht in Behandlung nehmen würde, wenn er erfuhr, was ihn dazu bewog eine Psychotherapie zu machen. Maxe hörte, wie die Tür des Behandlungszimmers geöffnet wurde. Herr Dr. Kluge-Meier trat heraus, um Maxe zu begrüßen.
«Guten Tag Herr Möllers. Kommse herein.» Dr. Kluge-Meier gab Maxe die Hand und lächelte freundlich.
«Für mich ist es soweit klar, dass bei Ihnen eine Behandlung erforderlich ist. Jedoch möchte ich vorab mit Ihnen noch den Rahmen der Behandlung klären. Erstens, ich fülle keine Krankschreibungen oder andere Berichte für Krankenkassen oder Behörden aus. Zweitens, sie bedürfen einer konsequenten Behandlung viermal wöchentlich über zwei Jahre auf der Couch. Drittens, falls sie unentschuldigt fehlen sollten, haben Sie ein Ausfallhonorar in Höhe des Kassensatzes an mich zu zahlen. Haben Sie noch fragen? Sie können es sich gerne noch einmal überlegen, ob Sie von mir behandelt werden wollen.»
«Ist schon gut.»
«Dann überspringen wir jetzt das Erstinterview und beginnen gleich mit der Behandlung. Bitte machen Sie es sich auf der Couch bequem.»
Maxe fühlte sich nicht wie der ideale Patient und es war ihm unangenehm, dass er nicht hochmotiviert für die Psychotherapie war. Die Bedingungen schmeckten ihm eigentlich auch nicht, aber er war ja nicht gezwungen mitzumachen und konnte jederzeit die Behandlung abbrechen, wenn er es wollte. Vielleicht würde es ihm anstelle einer Krankschreibung Selbsterkenntnis bringen, hoffte Maxe.
«Ich möchte Sie mit der Grundregel vertraut machen. Die Grundregel ist im Grunde nicht mehr als eine Aufforderung zum freien Assoziieren. Dies ist ein geschützter Raum in dem Sie frei ihre Gedanken äußern sollen, ohne Bewertung befürchten zu müssen. Hier herrscht absolute Meinungsfreiheit. Zugleich möchte ich Sie auch dazu auffordern keine Geheimnisse für sich zu behalten, denn es verhält sich mit den Geheimnissen in der Psychoanalyse so wie Freud einmal sagte: Wenn man den Strolchen Wiens in der Stephanskirche einen extraterritorialen Raum schaffe, hielten sie sich grade dort auf. Sie müssen wissen, dass Sie zum Fortschritt und gelingen der Therapie entscheidend beitragen, wenn Sie die Grundregel so gut Sie können befolgen. Bitte versuchen Sie, alles mitzuteilen, was Sie denken und Fühlen. Sie werden erkennen, dass dies nicht immer einfach ist, aber der Versuch lohnt sich.»
Maxe lag nun auf der Analyseliege und ließ die Worte des Analytikers zur Grundregel sacken. Es folgte eine längere Pause der Stille. Der Analytiker schwieg und Maxe wartete darauf, dass er etwas sagte.
«Sind Sie noch da?»
«Warum fragen Sie das?»
«Sie sagen ja garnichts. Wollen Sie mir keine Frage stellen?»
Dr. Meier-Kluge antwortete nicht. Wieder folgte Schweigen. Maxe erinnerte sich daran wie er als Junge mit seinen Freunden gespielt hatte, wer es schaffte, am längsten nichts zu sagen, hatte gewonnen. Er war darin eigentlich immer recht gut gewesen und ließ es nun auf ein Kräftemessen mit Dr. Meier-Kluge ankommen. Am Ende der Stunde bat der Analytiker den Patienten höflich, nun aufzustehen. Maxe kam der Aufforderung nach und vereinbarte die Folgetermine. Dr. Meier-Kluge verabschiedete sich mit einem festen Händedruck und einem wohlwollenden Lächeln. Maxe verließ die psychoanalytische Praxis und fühlte sich auf irgendeine Weise leichtfüßig und beschwingt. Es störte ihn nicht mehr, dass er keine Krankschreibung bekommen hatte und er war fest entschlossen zum Seelenklempner, wie er Dr. Kluge-Maxe scherzhaft nannte, zu gehen.



Das Unmögliche I 

Das Unmögliche II 

Freitag, 14. Juni 2019

Das Unmögliche II

 Statue Schloss Charlottenburg. Quelle: Wikimedia commons Link


Maxe saß am zum Hinterhof geöffneten Fenster seines WG-Zimmers im linken Seitenflügel eines einst herrschaftlichen Hauses in Berlin Charlottenburg. Sein Blick lag auf den beiden Visitenkarten vor ihm auf dem Tisch. Heute war er bei seiner Hausärztin gewesen und sie hatte ihm empfohlen aufgrund einer Depression eine Psychotherapie zu machen.
«Sagen Sie, dass ich Sie schicke.» Hatte die Ärztin ihm mit auf den Weg gegeben.
Das Jobcenter saß ihm mit Sanktionen im Nacken, weil er schon länger arbeitslos gemeldet war und sich offensichtlich nicht um eine neue Arbeit bemühte. Ein Freund hatte ihm erzählt, dass das Jobcenter einen in Ruhe lassen würde, wenn man einen auf Depression und eine Psychotherapie machen würde. Es war sehr einfach gewesen eine Überweisung zum Psychotherapeuten zu bekommen. Maxe hatte der Ärztin nur etwas von seiner Antriebslosigkeit, Interessenverlust und Freudlosigkeit erzählt. An seine wahre Innenseite war sie nicht herangekommen. Allgemein waren andere Menschen für Maxe oberflächlich.
«Sie vernachlässigen rücksichtslos das Innenleben ihrer Mitmenschen und haben banale Vorstellungen von der Gefühlswelt und deren Inhalten. Die Welt zieht an mir vorbei wie der Qualm einer vor meinem Fenster gerauchten Zigarette. Ich friste mein Dasein hier in dieser Zelle, diesem Viertel, dieser Stadt ohne Sinn meiner Existenz. Mein Dasein ist abgetrennt von den anderen Menschen, mit ihnen fühle ich mich nicht verbunden. Wozu ist mein Dasein gut? Alle anderen scheinen, ohne Denken marionettenhaft zu funktionieren. Was fehlt mir? Wieso passe ich nicht hinein? Es gibt keine ehrlichen, wechselseitigen Beziehungen in dieser Stadt. Euer System ist nicht mein System. Ich fühle mich ausgeschlossen und lebensunfähig. Was soll mich überhaupt am Leben halten? Früher war in mit doch ein Funke, der alles zu überflügeln schien. Heute sind meine Talente ungenutzt und ich spüre wie meine Fähigkeiten verkümmern. Alles fühlt sich so mangelhaft an. Überall fehlt es an Geistreichem. Ich bleibe unverstanden, denn keiner ist im Stande den geistig-seelischen Bereich mit mir zu teilen. So bleibe ich ein Sonderling, im Grunde immer allein und ohne Beziehung. Die anderen folgen inneren Bahnen, die mit ein Rätsel sind. Den Sinn ihres Handelns kann ich nicht erfassen. Ihr reges Treiben bleibt mir verschlossen. Für mich ist es ein Mysterium, während es für alle anderen Menschen Selbstverständlichkeit darstellt. Wie kann das sein, da ich doch so feinfühlig bin? Die anderen sind gefühlsarm, primitiv wie Tiere und geistlos! Währen ich leide und verzweifel, erfreuen sich die anderen am Leben. Wie widerlich und falsch ihr Lachen in meinen Ohren klingt. Sie sind doch allesamt nur mit Instinktverhalten ausgestattete Egoisten! Tun sie doch allein das, was ihrem Leben dienlich ist.»
Dann streifte sein Blick den offenen Laptop. Dort hatte Maxe den Bomber’s Baedeker als Digitalisat auf Gutenberg Capture aufgerufen. An seiner Wand hing ein Poster mit dem Aufruf Bomber Harris do it again.


Arthur Harris, commander in chief of Bomber Command.  Quelle: Wikimedia commons Link.






Was vorher geschah:


Dienstag, 11. Juni 2019

Das Unmögliche I

 
Marienkäfer an einem Grashalm. Quelle: Wikimedia commons, Link


So sah es nun eben aus. Sein Vater war ein Gelehrter gewesen, hatte ihm aber nichts von seiner Gelehrtheit weitergegeben. Das Zurückhalten des Wissens des Vaters war geschehen, damit er seine eigene Geschichte schreiben konnte. Nun fühlte er sich verloren und ziellos. Es gab nicht viel woran er sich im Leben klammern konnte. Das was ihm halt bot, schien nichtig und eher unwichtig zu sein. Manchmal fühlte er sich wie ein Marienkäfer, der sich an einen Grashalm klammerte, um nicht vom starken Wind fortgeweht zu werden. In ihm breitete sich das Gefühl von Minderwertigkeit aus, denn er konnte nichts wirklich gut. Er war kein gebildeter Mensch wie sein Vater, denn er hatte nie gelernt sich anzustrengen. Nie wurde es von ihm verlangt. Stets konnte er tun und lassen wozu er Lust hatte. Nie hatte er sich längere Zeit für eine Sache wirklich begeistert. Er wechselte schnell seine Interessen und brachte nirgendwo besonders gute Leistungen. Verantwortung für sich selbst sollte er lernen und unabhängig sein, indem er seinem Gefühl folgte. Bedeutete dies letztendlich, dass er nun selbst für sein Elend verantwortlich war? Irgendwo tief in seinem Inneren wusste er, dass dies falsch war. Dass seine Eltern ihm weiß machen wollten, er hätte stets selbst entscheiden können, Verbote habe es nicht gegeben, er habe keinen Grund ihnen etwas vorzuwerfen. Sie waren damit fein raus, hatten ihren Part erfüllt, sich die Hände rein gewaschen. Dennoch spürte er einen Mangel, als hätte besonders der männliche Elternteil ihm etwas verwehrt. Was konnte es sein, das er vermisste, was ihn nun so missmutig stimmte?


Fortsetzung:  
 
Das Unmögliche II 

Das Unmögliche III 

Mittwoch, 22. Mai 2019

Gehemmte Aggression trifft auf geformtes Geltungststreben

 
Quelle: Wikimedia commons, Ausstellung Wonderland im Bundestag.

Was offen und freundlich erscheint, ist es oft garnicht, wenn man an die Motive Erwachsener denkt. Nur weil diese Aggressionen leiser sind, fallen sie weniger auf. Doch ist eine Unfähigkeit zu lauter Aggression möglicherweise von viel größerer negativer Wichtigkeit als lautes Poltern?

So kann eine Handlung voll hasserfüllter Aggression stecken, obwohl vordergründig etwas anderes zur Schau gestellt wird. Hier handelt es sich um gehemmte Aggression, da sie sonst mit der Realität zusammenstoßen würde. Was unterscheidet den in dieser Weise gehemmten Menschen von dem, dessen Geltungsstreben nicht verkümmert oder gar gebrochen ist? Was dem in dieser Hinsicht gehemmten Erwachsenen fehlt ist das feine Geltungsstreben, die gezügelte und geformte Aggression. Die ist notwendig, um zu bestehen, wo äussere Einflüsse das Selbstwertgefühl und ein gesundes Bedürfnis nach Anerkennung unter den Menschen zu untergraben versuchen.

Sonntag, 10. März 2019

Lufterfrischer

Henkeltopf mit Rosmarin
Blattgold Dr.Becker ®

Im Mittelalter standen Topfpflanzen im Sommer vor der Tür. Die irdenen Töpfe waren mit Henkeln versehen, um sie bei Bedarf ins Zimmer bringen zu können. Der Duft der Pflanzen stand dabei im Vordergrund. Maiglöckchen, Lilien, Veilchen, Nelken, Narzissen machten den Gestank der Latrinen und den Muff feuchter Räume erträglicher. Thymian, Lavendel wie auch Rosmarin waren ebenfalls beliebte Lufterfrischer. Mit Gewürznelken gespickte Zitrusfrüchte aus Zimmerzucht übertünchten im elisabethanischen England die Körperausdünstungen wohlhabender Bürger. Im 18. und 19. Jahrhundert war die Duftresede (Reseda odorata) eine der populärsten Duftpflanzen in Londoner Salons, die in speziell gestalteten Blumentöpfen zu üppigen Bouquetes arrangiert wurden. 


Duftresede (Reseda odorata). Quelle Wikimedia commons.


Gesehen am 10.03.2019 in:
Ausstellung im Botanischen Museum Berlin
vom 07.12.2018 bis 02.06.2019.
Quelle: BGBM, Museum.

Samstag, 9. März 2019

Moralzange

#Moralzange
Blattgold Dr.Becker ®


Das Kuriosum der Moralzange nimmt gesellschaftliche Phänomene nicht aus. Soziale Blutsauger und Leuteschinder, im Gewand von Aktivisten und Politikern daherkommend, bedienen sich der Hypermoral für eigene Ziele, um die Öffentlichkeit gefügig zu machen. Als ein Beispiel sei die deutsche Kollektivschuld genannt, unter die kein Schlussstrich gezogen wird. Mit der Moralzange „rechter Rethorik“ wird um sich gebissen, sobald es jemand wagt an das Ende der Kollektivschuld zu denken.

Schon blöd für die Moralprediger der Gegenwart, dass sich nicht jeder in die Moralzange nehmen lässt. Es ist ein Kraut gegen Sittenprediger gewachsen - Überzeugtheit von sich selbst. Das Geschäft mit der Schuld läuft in vielen Fällen wie geschmiert und sie stehen mit weißer Weste da.


Jemanden in die Zange nehmen, ist eine deutsche Redewendung: „Die fest zupackende Zange war ein Arbeitsgerät des Schmieds, der damit das glühende Eisen festhielt, um es bearbeiten zu können. Von hier erklären sich also Ursprung und Gebrauch der Redewendung." Link zur Quelle

Die Beute in der Moralzange fühlt sich in der persönlichen Freiheit eingeengt, weil sie es erstrebenswert findet äußeren Anforderungen gerecht zu werden. Statt fremde Moralvorstellungen sowie quälende Forderungen der Tugendbolde, aus dem Fenster zu werfen, werden sie von dem Eingezwängten schleunigst in die dunkle Hinterkammer gesteckt, damit die persönliche Moraltapete unversehrt bleibt. Dieser Umgang mit Forderungen anderer ist bedenklich, da die moralischen Postulate sich als schlechtes Gewissen melden. Die Postulate sind nicht tugendhaft, sie erscheinen dem Gutmenschen nützlich, der doch selber nur ein Lump ist. Es ist für die Sittenwächter leicht mit der Moralzange durch Forderungen und Vorwürfe ein schlechtes Gewissen und Selbstzweifel bei anderen zu erzeugen, um den eigenen Willen zu erzwingen. Mit der Moralzange können die Gauner von ihren Opfern Vorteile für sich eintreiben. Das kann beispielsweise die Bestätigung des eigenen geringen Selbstwertes sein, indem sie andere für sich machen lassen und dies Liebe nennen. Ausbeutung anderer ist keine Liebe, sondern Freveltat.

Mit der Moralzange hat der Moralapostel Macht über den armen Sünder und kann ihn zu Dingen zwingen, welche dieser nicht möchte. Um des lieben Friedens Willen handelt der Büßer gegen seine innere Stimme, um in den Augen des Tugendwächters Milde zu finden. Der Missetäter kann sich durch Gefälligkeit nicht aus der Moralzange befreien. Je zuvorkommender der Schuldige handelt, desto fester packt die Moralzange zu. Der Moralprediger hat sein Opfer eiskalt im Griff. 


Wie kann der Mensch im Bußgewand das Cilicium ablegen? Gunstbeweise für den Moralisten helfen nicht. Nur wenn der Eingeklemmte darauf hört, was er für sich für richtig hält, kann der teuflische Griff der Moralzange gelöst werden.

Freitag, 8. März 2019

Moraltapete

 
#Moraltapete
Blattgold Dr.Becker ®


Die Seele ist eine Zweizimmerwohnung: Das Vorderzimmer besitzt ein zur Straße gelegenes Fenster, wodurch es erhellt wird. Das Vorderzimmer ist das Bewusstsein. Es ist mit einer empfindlichen Tapete, der Moral, ausgekleidet.
Daran schließt sich ein lichtloses Hinterzimmer an, das Unterbewusstsein.
Das tägliche Leben spielt sich in dem Vorderzimmer ab, in dem alles ordnungsgemäß zugehen soll. Wenn es hier zu Vorgängen kommt, die um die Sauberhaltung der Moraltapete fürchten lassen, werden sie in das Hinterzimmer verbannt.
Hinausgewiesene Erlebnisstücke sind mit Energie beladen. Es ist verständlich, dass in der Verdrängungskammer eine gefährliche Atmosphäre um sich greift, weil sich dynamische Inhalte zu solcher Spannung steigern, dass es zu Entladungen in das Vorderzimmer kommen muss. Der  miteinander verbundene Pulk der Verdrängungen und Aussperrungen meldet sich mit Spuk und Schelmerei an. Es ist der Schwall der anstößigen Unmoral, der sich anmeldet und damit beweist, dass mit ihm nicht abgeschlossen ist.
Im erhellten Zimmer erwacht zwischenzeitig die Angst vor der Verunreinigung der Moraltapete durch das Phantom aus der dunklen Kammer.

Donnerstag, 28. Februar 2019

Moralbrille

Moralbrille Blattgold Dr.Becker ®



Wer alles nur durch die Moralbrille sieht, wird dabei nie zu einem Verständnis des Zusammenhanges gelangen und sich daher ewig damit begnügen müssen "Forderungen" aufzustellen. Mag sicherlich die ethische Bewertung aller Erscheinungen die höchste und die der Kulturmenschen würdigste sein, so ist sie doch nicht allemal allein zulässig oder auch nur anwendbar.

Sonntag, 17. Februar 2019

Europa aus der Retorte







Raub der Europa. Quelle Wikimedia commons link




Das Kunstwerk „ Raub der Europa“ wurde vom Künstler Guido Renni geschaffen. Auf Englisch wird es „The Rape of Europa“ genannt. Rape heißt übersetzt Vergewaltigung und Vergewaltigung finde ich bei dem Thema „Vereinigte Staaten von Europa“ passend, denn es gibt ja auch erheblichen Widerstand gegen solche Ideen. Bald ist Europawahl, nämlich vom 23. bis 26. Mai 2019. Meiner Meinung nach bräuchten wir kein EU-Parlament in der Form wie es gewählt werden soll.

Die starken Nationen sind die Grundlage für Europas Schönheit und Kraft und so darf es auch bleiben.

Für die „Vereinigten Staaten von Europa“ müssten die Kraftzellen Europas, die Nationen, geschwächt werden. Derzeit erleben wir, dass die Grenzen der Staaten anzerstört werdenen, beispielsweise durch den Vertrag von Aachen, ohne darauf näher eingehen zu wollen.

Abgrenzung aufgrund von Unterschieden hat gute Seiten. Es dient dem Selbstschutz und der eigenen Integrität. Westliche Nationen sind berechtigt in Verbundenheit und Freundschaft im Haus Europa als Gemeinschaft zu leben. Derzeit scheint es Stömungen zu geben, die sich das Eingehen einer Vielehe westlicher Staaten wünschen, damit alle Europäer werden. Polygamie ist in Europa in der Öffentlichkeit nicht zulässig. Für Regierungen gilt die Regelung anscheinend nicht.

Die Destrukturierung von Ländern ist unvernünftig. Ein von Menschen innerhalb kürzester Zeit künstlich erschaffenes Europa ist nicht robuster als ein naturbelassen gewachsenes Europa. Ein Europa aus dem Politik-Labor wäre für die Menschen eine künstliche Lebenswelt. Ein Retorten-Europa würde die Menschen möglicherweise nur noch weiter weg von sich selbst führen. Obendrauf mit weniger Freiheiten durch mehr Überwachung als in der ursprünglichen Staatenform.
Die Entscheidung der Bürger nach dem Modell der direkten Demokratie über ihre eigene Zukunft wäre wünschenswert. Das Fragen nach der Meinung der Bürger durch einen Volksentscheid würde Unzufriedenheit vorbeugen und dem Gefühl bei entscheidenden Fragen übergangen worden zu sein. Die Allgemeinheit könnte nicht sagen, sie hätte es nicht gewusst oder man hätte sie nicht gefragt.