Mittwoch, 26. Juni 2019

Das Unmögliche V


Quelle: Photo by Kat Jane from Pexels

«Sie haben gesagt, dass ich alles äußern soll, was mir in den Sinn kommt. Ich habe darüber nachgedacht und festgestellt, dass es sehr ungewöhnlich ist alles auszusprechen, was man denkt. Wenn ich mit jemandem rede, dann spüre ich oft einen feinen inneren Widerstand, das zu sagen was ich denke, weil ich gelernt habe was man sagen darf und was nicht. Ich sehe mich vor, dass ich mir selbst mit dem Gesagten keinen Schaden zufüge. Das alles passiert ganz automatisch in Bruchteilen von Sekunden, aus einem Gefühl heraus.»
«Was ist das für ein Gefühl?»
«Wenn ich das Richtige sage, dann entsteht ein Gefühl von Akzeptanz durch das Gegenüber bei mir. Ich fühle mich dann angenommen. Es ist aber nicht immer so, dass ich mich auch verstanden fühle. Ich sage ja nicht das, was ich meine, aus Angst davor abgelehnt zu werden. Ich würde Verurteilung befürchten, wenn ich das Falsche aussprechen würde. Bei mir zu Hause wurde über einige Themen nicht gesprochen.»
«Gab es Tabus?»
«Die müssen, so wie ich Angst davor gehabt haben nicht mehr gemocht zu werden, wenn sie über gewisse Dinge reden würden.»
«Gewisse Dinge?»
«Meine Großeltern haben fast nie über ihre Jugend und den Krieg gesprochen, obwohl es das Geschehnis des letzten Jahrhunderts war. Ich glaube, dass meine Großeltern anfangs nicht fähig waren, das Vorgehen der Psychological Warfare Division, deren psychologische Propaganda-Kampagne eine deutsche kollektive Verantwortung entwickeln sollte*, zu durchschauen und später das Geschehene nicht mehr hinterfragten. Die anglo-amerikanische psychologische Kriegsführung wollte mit Filmen wie die Todesmühlen im Rahmen der Umerziehung und Entnazifizierung erfolg haben, Alfred Hitchcock lieferte Teile des Filmmaterials.
Was unausgesprochen blieb, geht noch viel tiefer, befürchte ich. Es sind die eigenen Wunden, die sie nicht lecken durften. Ausbombung, Flucht und Vertreibung sowie Kriegsgefangenschaft. Familienangehörige, die auf der Flucht starben, gab es zu betrauern. Ebenso wie die verlorene Heimat im Osten. Die Gefallenen Soldaten zu ehren war tabu, denn sie galten als Kriegsverbrecher. Dabei waren es geliebte Väter und Brüder. Verbrechen, am eigenen Leib erlebt, zu betrauern war tabu, denn man trug als Angehöriger des deutschen Volkes Mitverantwortung an den Kriegsverbrechen und konnte froh sein noch am Leben zu sein. Am Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in Deutschland zu massenhaften Vergewaltigungen, insbesondere durch Soldaten der Roten Armee. Es wurden zwei Millionen deutsche Frauen vergewaltigt.** Meine Großmutter war eine von diesen Frauen, sprach aber nicht darüber. Auf das Unrecht, was einem selbst widerfahren war hinzuweisen, war undenkbar, denn als Schuldiger hatte man nicht das Recht anzuklagen. Wissen Sie, dieses seltsame Schweigen, das Fehlen der Unbefangenheit spürte ich. Als Kind empfand ich das Zusammensein in meiner Familie und in der Schule irgendwie bedrückend. Ich lernte, alles schweigend zu ertragen, aus Angst und Schuldgefühl. Doch das Schweigen hinterließ eine beklemmende Leere in mir. Ich habe dann als Jugendlicher gedacht, als Individuum wäre frei und habe nach einer eigenen Persönlichkeit gestrebt. Dabei habe ich mich selbst verloren. Heute bin ich so entfremdet von meiner Familie, anderen Menschen, Regeln und Moral, dass ich keinen Halt im Leben mehr verspüre. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als nicht mehr allein zu sein und irgendwo dazu zu gehören. Also sage ich auch nicht, was ich denke, denn sonst müsste ich mit meinem schlechten Gefühl klarkommen. Wenn Sie mich mit meinen Freunden reden hören würden, dann wäre ich immer politisch korrekt.»
«Ich möchte mit Ihnen gemeinsam versuchen Sie zu verstehen und Ihnen helfen. Die Krux mit der Scham vor der Selbstenthüllung bleibt keinem Patienten, der zum Analytiker geht, erspart.»
«Solange geschwiegen wird, gibt es also keine Entlastung. Naja, es ist ja nicht wie bei einem Stasi-Verhör bei Ihnen.»
«Stasi-Verhör?»
«Ja. In der DDR gab es sogar ein eigenes psychologisches Forschungs- und Lehrfach, um politische Gegner zu zersetzen, die Operative Psychologie. Im Grunde wusste keiner, wem er vertrauen konnte und ob er grade ausgehorcht wurde.»
Es folgte eine Weile des Schweigens im Behandlungszimmer. Matze lag auf der Behandlungsliege und schaute aus dem Fenster. Vor der Fensterscheibe stand eine Linde, durch deren Blätter die Sonne glitzerte. Matze räusperte sich und fuhr fort:
«Die Angst beim Sprechen fühlt sich real an, denn mein Herz schlägt dann schneller, mitunter schwitze ich auch. Eigene Gedanken zu produzieren ist eine Situation, die ich mit Gefahr assoziiere. Es fühlt sich so bedrückend an wie ein Schatten, der sich über mich legt, die Umgebung verdunkelt und mich isoliert. Meine Meinung zum Ausdruck zu bringen vermeide ich für gewöhnlich, denn dabei fühle ich mich nicht sicher. Manchmal habe ich auch das Gefühl beim Sprechen vor anderen Leuten aus mir herauszutreten. Dann bin ich nicht ganz bei mir.»
«Angsterkrankungen stellen in Deutschland mit schätzungsweise 10 Millionen Betroffenen die häufigste psychische Erkrankung dar. Sie sind mit ihrer Angst in guter Gesellschaft. Die irrationale Angst ist nicht so irrational, wie Sie vielleicht denken. Einer Angststörung liegen immer reale, nicht verarbeitete, überfordernde, ängstliche Erfahrungen zugrunde.***»
«Ich wollte Sie heute auf die Probe stellen. Sie haben gelassen reagiert. Ich konnte vorher nicht glauben, dass es irgendwo auf der Welt keine Denkverbote, keine Tabus oder Grenzen des Sagbaren geben soll. Das ist wirklich faszinierend, so einen geschützen Raum wie bei Ihnen gibt es für mich nirgendwo sonst. Das finde ich gut. Wir sehen uns dann zum nächsten vereinbarten Termin wieder.»



* https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektivschuld
** Glaesmer, Heide. Ärztliche Psychotherapie 2019; 14:73-150. Schattauer.  Langzeitfolgen der traumatischen Erfahrungen aus dem zweiten Weltkrieg in der deutschen älteren Bevölkerung. S.86.
***Allgöwer, Annette. Der Hausarzt 11/ 2019. Diagnose Angst: Wie Verhaltenstherapie wirkt. S.46.



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Das Unmögliche II 

Das Unmögliche III  


Das Unmögliche IV 

Samstag, 22. Juni 2019

Das Unmögliche IV

Überlebende der Bismarck werden an Bord gezogen.
Aufgenommen am 27. Mai


«Sie können mir erzählen, wie Sie die sie umgebende Welt betrachten.»
«Seit ich denken kann, empfinde ich es als beschwerlich mich mit mir selbst und mit der Welt auseinanderzusetzen. Bisher habe ich Garnichts erkannt außer, dass das Leben ein Chaos ist und dass die Menschen Schwächen haben. Es lohnt sich nicht etwas zu tun, weil es keinen Grund gibt für ein morgen zu leben. Jeder Mensch lebt für sich allein und es ist egal ob ich unter ihnen weile oder tot bin. Vielleicht erinnert sich mal kurz einer an mich, wenn ich tot bin, aber mehr ist da nicht. Seit zwei Jahren bin ich arbeitslos und beziehe Harzt IV. Davor war ich als Assistenzarzt in der Unfallchirurgie tätig. Doch dieses Leben, der Trott Tag ein Tag aus auf der Arbeit, hatte keinen Sinn für mich. In meinem Beruf sah ich keine Zukunft und so gab ich meine Tätigkeit auf, um etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun und die Welt besser zu machen. Dies hat mich noch mehr frustriert, weil es unendlich schwer ist mit Ideen bei den Menschen durchzudringen. Sie wollen in Ruhe gelassen werden und sind nicht offen für Neues. Nichts zum Besseren verändern zu können lähmt mich. Mittlerweile lebe ich nurnoch in den Tag hinein, komme nicht mehr über das Nächstliegende hinaus, eine Chance sehe ich nicht. Weder für mich noch für die Menschen. Nichts interessiert mich noch, selbst der Protest gegen das Establishment hat seinen Reiz verloren. Es hatte einen ganz besonderen Reiz, meinen angesehenen Job hinzuwerfen und mich gegen den Mainstream zu stellen. Alles war spannend und die Szene in Berlin so aufgeschlossen. Wir wollten gemeinsam eine bessere Zukunft rocken. Jetzt scheinen meine Atzen mir im Grunde nicht besser zu sein als alle anderen. Sie haben die gleichen Schwächen und Fehler wie alle anderen und ihre Weltsicht hat sie nicht automatisch zu besseren Menschen gemacht. Es ist nicht richtig, Andersdenkende zu Unmenschen zu erklären. Mit ihren radikalen Sprüchen kann ich mich nicht mehr identifizieren. Diese Neigung stört mich an meinen Freunden. Seitdem habe ich kein Ziel mehr. Meine wahren Bedürfnisse und Interessen kenne ich nicht. Letztens habe ich eine Kurzgeschichte gelesen, die mich sehr bewegt hat. Es ist eine Allegorie über einen deutschen Soldaten. Die Kurzgeschichte heißt Cyborg Memories. Ich habe mich jetzt erstmals mit den Verbrechen der Aliierten an den Deutschen beschäftigt, weil in der Kurzgeschichte der Todeskampf auf einem Schiff mit Soldaten und Zivilisten sprachlich dargestellt wird. Vielleicht ging es den Menschen auf der versenkten Wilhelm Gustloff so wie in dieser Kurzgeschichte und vielleicht konnten die Überlebenden die schrecklichen Bilder von damals nie wieder vergessen. Die Deutschen werden von meinen Atzen gerne als gefühlskalte Monster dargestellt, so als wären sie Cyborgs ohne Gefühle. In dem Buch werden die Cyborgs für Arbeiten in Müllanlagen eingesetzt und sie haben verlernt, sich zu wehren. Ich interpretiere dieses als eine Parallele zur Last der Erbschuld, die auf den Deutschen liegt. Vor einigen Tagen habe ich mir den Bombenatlas der Briten heruntergeladen. Ich bin entsetzt darüber, dass die Leute, die ich für sensibel und feinfühlig hielt diese Grausamkeiten als Vergeltung an den Deutschen gut heißen und Deutschland so sehr hassen, dass sie es abschaffen wollen. Ich denke es, muss Unkenntnis sein, die sie dazu treibt.
«Warum reden Sie nicht mit ihren Freunden darüber was Sie bewegt?»
«Mit ihnen darüber zu sprechen kam bisher nicht in Frage, denn andere Freunde hätte ich nicht, wenn sie mich ausgrenzen würden. Jedes Mal wenn ich meine Mitbewohner sehe, spüre ich einen Druck auf meiner Brust und es schnürt sich mein Hals zu. Das macht mir Angst, denn ich weiß nicht, was das ist.»
«Könnte es ein Gefühl sein?»
«Ja. Es macht mir Angst, vielleicht ist es Angst.»
«Gibt es einen Grund, warum Sie Angst vor ihren Mitbewohnern haben sollten?»
«Nein, eigentlich verstehen wir uns gut. Keiner von denen würde mit etwas antun. Aber da ist auchnoch diese Wut, die ich nicht rauslassen kann, denn die können ja nichts dafür, dass ich solche Gedanken habe. Ich glaube ja, mit mir stimmt etwas nicht. Dafür kann ich denen nicht die Schuld geben. Dann würde ich ja etwas falsch machen und vielleicht würden sie mich dann nichtmehr mögen.»
«Sehen Sie, dieses Gefühl auf der Brust hängt doch damit zusammen, dass sie sich nicht trauen, ihre Bedürfnisse zu äußern. Möglicherweise tragen Sie selbst ein altes Schuldgefühl mit sich herum. Vielleicht berührt Sie die Kurzgeschichte Cyborg Memories deshalb auch zutiefst, weil Sie ihre Gefühle nicht zeigen können wie ein Roboter und sich daher auch nicht richtig im Leben durchsetzen können. Darüber sind sie wütend. Aber auf sich selbst und nicht auf die anderen, denn die können ja nichts dafür, wie Sie richtig erkannt haben. Sie müssen an sich selbst etwas verändern und an sich selbst arbeiten, aber es ist alles gut, denn das tun Sie ja bereits.»
«Ja, das könnte so ähnlich wie Sie sagten mit der Angst, den Schuldgefühlen und der Wut bei mir ablaufen.»
«Na, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und bis zum nächsten Mal.»




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Samstag, 15. Juni 2019

Das Unmögliche III

 
 Sigmund Freud (1856-1939), am 16. Mai 1905.  Quelle: Wikimedia commons, Link.


Maxe fand sich bald im Wartezimmer einer psychoanalytischen Praxis wieder. Aufgrund der Einrichtung versuchte er, sich ein Bild vom Psychoanalytiker zu machen. Weiß getünchte Wände, alte Gemälde an den Wänden, Stühle aus hellem Holz. Am Fenster stand ein Dickicht aus sorgfältig gepflegten Grünpflanzen. In einer Ecke des Zimmers verströmte ein Duftbrunnen ein wohlriechendes Aroma, welches Maxe an die Lavendelsäckchen seiner Großmutter erinnerte. Maxe hatte sich telefonisch angemeldet, sein Problem kurz beschrieben und eine Woche später einen Termin zur therapeutischen Sprechstunde bekommen. Er hatte die Hoffnung angenommen zu werden, damit das Arbeitsamt aufhörte Druck zu machen und damit sich vielleicht etwas in seinem Leben änderte. Am Telefon klang der Analytiker verständnissvoll aber auch bestimmt, weshalb Maxe befürchtete, dass der Analytiker ihn vielleicht nicht in Behandlung nehmen würde, wenn er erfuhr, was ihn dazu bewog eine Psychotherapie zu machen. Maxe hörte, wie die Tür des Behandlungszimmers geöffnet wurde. Herr Dr. Kluge-Meier trat heraus, um Maxe zu begrüßen.
«Guten Tag Herr Möllers. Kommse herein.» Dr. Kluge-Meier gab Maxe die Hand und lächelte freundlich.
«Für mich ist es soweit klar, dass bei Ihnen eine Behandlung erforderlich ist. Jedoch möchte ich vorab mit Ihnen noch den Rahmen der Behandlung klären. Erstens, ich fülle keine Krankschreibungen oder andere Berichte für Krankenkassen oder Behörden aus. Zweitens, sie bedürfen einer konsequenten Behandlung viermal wöchentlich über zwei Jahre auf der Couch. Drittens, falls sie unentschuldigt fehlen sollten, haben Sie ein Ausfallhonorar in Höhe des Kassensatzes an mich zu zahlen. Haben Sie noch fragen? Sie können es sich gerne noch einmal überlegen, ob Sie von mir behandelt werden wollen.»
«Ist schon gut.»
«Dann überspringen wir jetzt das Erstinterview und beginnen gleich mit der Behandlung. Bitte machen Sie es sich auf der Couch bequem.»
Maxe fühlte sich nicht wie der ideale Patient und es war ihm unangenehm, dass er nicht hochmotiviert für die Psychotherapie war. Die Bedingungen schmeckten ihm eigentlich auch nicht, aber er war ja nicht gezwungen mitzumachen und konnte jederzeit die Behandlung abbrechen, wenn er es wollte. Vielleicht würde es ihm anstelle einer Krankschreibung Selbsterkenntnis bringen, hoffte Maxe.
«Ich möchte Sie mit der Grundregel vertraut machen. Die Grundregel ist im Grunde nicht mehr als eine Aufforderung zum freien Assoziieren. Dies ist ein geschützter Raum in dem Sie frei ihre Gedanken äußern sollen, ohne Bewertung befürchten zu müssen. Hier herrscht absolute Meinungsfreiheit. Zugleich möchte ich Sie auch dazu auffordern keine Geheimnisse für sich zu behalten, denn es verhält sich mit den Geheimnissen in der Psychoanalyse so wie Freud einmal sagte: Wenn man den Strolchen Wiens in der Stephanskirche einen extraterritorialen Raum schaffe, hielten sie sich grade dort auf. Sie müssen wissen, dass Sie zum Fortschritt und gelingen der Therapie entscheidend beitragen, wenn Sie die Grundregel so gut Sie können befolgen. Bitte versuchen Sie, alles mitzuteilen, was Sie denken und Fühlen. Sie werden erkennen, dass dies nicht immer einfach ist, aber der Versuch lohnt sich.»
Maxe lag nun auf der Analyseliege und ließ die Worte des Analytikers zur Grundregel sacken. Es folgte eine längere Pause der Stille. Der Analytiker schwieg und Maxe wartete darauf, dass er etwas sagte.
«Sind Sie noch da?»
«Warum fragen Sie das?»
«Sie sagen ja garnichts. Wollen Sie mir keine Frage stellen?»
Dr. Meier-Kluge antwortete nicht. Wieder folgte Schweigen. Maxe erinnerte sich daran wie er als Junge mit seinen Freunden gespielt hatte, wer es schaffte, am längsten nichts zu sagen, hatte gewonnen. Er war darin eigentlich immer recht gut gewesen und ließ es nun auf ein Kräftemessen mit Dr. Meier-Kluge ankommen. Am Ende der Stunde bat der Analytiker den Patienten höflich, nun aufzustehen. Maxe kam der Aufforderung nach und vereinbarte die Folgetermine. Dr. Meier-Kluge verabschiedete sich mit einem festen Händedruck und einem wohlwollenden Lächeln. Maxe verließ die psychoanalytische Praxis und fühlte sich auf irgendeine Weise leichtfüßig und beschwingt. Es störte ihn nicht mehr, dass er keine Krankschreibung bekommen hatte und er war fest entschlossen zum Seelenklempner, wie er Dr. Kluge-Maxe scherzhaft nannte, zu gehen.



Das Unmögliche I 

Das Unmögliche II 

Freitag, 14. Juni 2019

Das Unmögliche II

 Statue Schloss Charlottenburg. Quelle: Wikimedia commons Link


Maxe saß am zum Hinterhof geöffneten Fenster seines WG-Zimmers im linken Seitenflügel eines einst herrschaftlichen Hauses in Berlin Charlottenburg. Sein Blick lag auf den beiden Visitenkarten vor ihm auf dem Tisch. Heute war er bei seiner Hausärztin gewesen und sie hatte ihm empfohlen aufgrund einer Depression eine Psychotherapie zu machen.
«Sagen Sie, dass ich Sie schicke.» Hatte die Ärztin ihm mit auf den Weg gegeben.
Das Jobcenter saß ihm mit Sanktionen im Nacken, weil er schon länger arbeitslos gemeldet war und sich offensichtlich nicht um eine neue Arbeit bemühte. Ein Freund hatte ihm erzählt, dass das Jobcenter einen in Ruhe lassen würde, wenn man einen auf Depression und eine Psychotherapie machen würde. Es war sehr einfach gewesen eine Überweisung zum Psychotherapeuten zu bekommen. Maxe hatte der Ärztin nur etwas von seiner Antriebslosigkeit, Interessenverlust und Freudlosigkeit erzählt. An seine wahre Innenseite war sie nicht herangekommen. Allgemein waren andere Menschen für Maxe oberflächlich.
«Sie vernachlässigen rücksichtslos das Innenleben ihrer Mitmenschen und haben banale Vorstellungen von der Gefühlswelt und deren Inhalten. Die Welt zieht an mir vorbei wie der Qualm einer vor meinem Fenster gerauchten Zigarette. Ich friste mein Dasein hier in dieser Zelle, diesem Viertel, dieser Stadt ohne Sinn meiner Existenz. Mein Dasein ist abgetrennt von den anderen Menschen, mit ihnen fühle ich mich nicht verbunden. Wozu ist mein Dasein gut? Alle anderen scheinen, ohne Denken marionettenhaft zu funktionieren. Was fehlt mir? Wieso passe ich nicht hinein? Es gibt keine ehrlichen, wechselseitigen Beziehungen in dieser Stadt. Euer System ist nicht mein System. Ich fühle mich ausgeschlossen und lebensunfähig. Was soll mich überhaupt am Leben halten? Früher war in mit doch ein Funke, der alles zu überflügeln schien. Heute sind meine Talente ungenutzt und ich spüre wie meine Fähigkeiten verkümmern. Alles fühlt sich so mangelhaft an. Überall fehlt es an Geistreichem. Ich bleibe unverstanden, denn keiner ist im Stande den geistig-seelischen Bereich mit mir zu teilen. So bleibe ich ein Sonderling, im Grunde immer allein und ohne Beziehung. Die anderen folgen inneren Bahnen, die mit ein Rätsel sind. Den Sinn ihres Handelns kann ich nicht erfassen. Ihr reges Treiben bleibt mir verschlossen. Für mich ist es ein Mysterium, während es für alle anderen Menschen Selbstverständlichkeit darstellt. Wie kann das sein, da ich doch so feinfühlig bin? Die anderen sind gefühlsarm, primitiv wie Tiere und geistlos! Währen ich leide und verzweifel, erfreuen sich die anderen am Leben. Wie widerlich und falsch ihr Lachen in meinen Ohren klingt. Sie sind doch allesamt nur mit Instinktverhalten ausgestattete Egoisten! Tun sie doch allein das, was ihrem Leben dienlich ist.»
Dann streifte sein Blick den offenen Laptop. Dort hatte Maxe den Bomber’s Baedeker als Digitalisat auf Gutenberg Capture aufgerufen. An seiner Wand hing ein Poster mit dem Aufruf Bomber Harris do it again.


Arthur Harris, commander in chief of Bomber Command.  Quelle: Wikimedia commons Link.






Was vorher geschah:


Dienstag, 11. Juni 2019

Das Unmögliche I

 
Marienkäfer an einem Grashalm. Quelle: Wikimedia commons, Link


So sah es nun eben aus. Sein Vater war ein Gelehrter gewesen, hatte ihm aber nichts von seiner Gelehrtheit weitergegeben. Das Zurückhalten des Wissens des Vaters war geschehen, damit er seine eigene Geschichte schreiben konnte. Nun fühlte er sich verloren und ziellos. Es gab nicht viel woran er sich im Leben klammern konnte. Das was ihm halt bot, schien nichtig und eher unwichtig zu sein. Manchmal fühlte er sich wie ein Marienkäfer, der sich an einen Grashalm klammerte, um nicht vom starken Wind fortgeweht zu werden. In ihm breitete sich das Gefühl von Minderwertigkeit aus, denn er konnte nichts wirklich gut. Er war kein gebildeter Mensch wie sein Vater, denn er hatte nie gelernt sich anzustrengen. Nie wurde es von ihm verlangt. Stets konnte er tun und lassen wozu er Lust hatte. Nie hatte er sich längere Zeit für eine Sache wirklich begeistert. Er wechselte schnell seine Interessen und brachte nirgendwo besonders gute Leistungen. Verantwortung für sich selbst sollte er lernen und unabhängig sein, indem er seinem Gefühl folgte. Bedeutete dies letztendlich, dass er nun selbst für sein Elend verantwortlich war? Irgendwo tief in seinem Inneren wusste er, dass dies falsch war. Dass seine Eltern ihm weiß machen wollten, er hätte stets selbst entscheiden können, Verbote habe es nicht gegeben, er habe keinen Grund ihnen etwas vorzuwerfen. Sie waren damit fein raus, hatten ihren Part erfüllt, sich die Hände rein gewaschen. Dennoch spürte er einen Mangel, als hätte besonders der männliche Elternteil ihm etwas verwehrt. Was konnte es sein, das er vermisste, was ihn nun so missmutig stimmte?


Fortsetzung:  
 
Das Unmögliche II 

Das Unmögliche III