Samstag, 6. Juli 2019

Das Unmögliche VI

Nordstern - North star. Quelle: Free Nature Stock on Pexels.

«Es war eine Contradictio in adjecto, ein Ding der Unmöglichkeit. In meinem Traum wollte ich Laufen, aber dabei kam ich nicht von der Stelle, so sehr ich mich auch anstrengte. Irgendwann kam ich vorwärts, aber die beiden anderen Läufer in meinem Traum waren schneller als ich. Ich fühlte mich träge, verzweifelt und enttäuscht über meine eigene Unfähigkeit schnell zu Laufen.»
«Könnte es sein, dass Sie von der Erfahrung geträumt haben, dass sie nicht fähig waren Höheres zu leisten, obwohl Sie das gerne wollten?»
«Es könnte mein berufliches Scheitern als Arzt sein, aber den Traum hatte ich bereits als Kind und er wiederholt sich immer wieder. Es war so, als würde mir der Unterbau fehlen, damit die Tätigkeit mit Leichtigkeit geschieht. Jeden Tag war eine große Anstrengung nötig, um zu funktionieren. Letzen Endes war meine Bereitschaft dazu erschöpft und ich entschied mich für ein Leben, in dem weit weniger von mir erwartet wurde, als ich zu leisten vermag. Ich ging den einfacheren Weg, weil ich den Schweren nicht gehen konnte, obwohl ich es wollte.»
«Was hielt sie ab?»
«Irgendetwas in mir ließ mich scheitern, obwohl ich den Willen hatte zu funktionieren. Ich vergaß meine Ziele wieder und wieder und konnte sie nicht verfolgen. Das was ich erreicht hatte, entglitt mir wieder, denn es erschien mir wertlos. Irgendwie wurde die Welt um mich herum unwirklich. Ich fühlte mich allein und konnte keine Verbindung zu meinen Mitmenschen halten. Die Kommunikation funktionierte nurnoch oberflächlich. Ich konnte nichts spüren, außer Niedergeschlagenheit und Leere in allen Dingen.
«Das war vermutlich schlimm für Sie.»
«Bis heute ist der innere Zustand so geblieben. Es geht mir nicht mehr so schlecht wie damals als ich kündigte, aber die Entfremdung und der Schwermut sind meine treuesten Begleiter geblieben. Sie sind wie Blei an meinen Füßen. Als würde ich Moonboots auf der Erde tragen, wo die Schwerkraft meine Emotionen hinunterzieht. Den anderen scheint diese Schwerkraft im Alltäglichen zu fehlen. In meiner WG ist es so, als lebte ich auf dem Mond und würde zu den Erdbewohnern hinüberschauen, nur ist es mit der Schwerkraft umgekehrt. Sie springen leichtfüßig und schwerelos auf Erden umher, während ich in Ketten gelegt auf dem Mond gefesselt bin.»
«Wollen sie den die Ketten sprengen und frei sein?»
«Ja, wenn ich wüsste wie.»
«Sehen Sie den Nordstern am Himmel? Der kann Ihnen zur Orientierung dienen.»
«Wie meinen Sie das?»
«Warum fragen Sie?»
«Meinen Sie ich sei orientierungslos? Manchmal ist meine Aufmerksamkeit zerstreut und ich bin unkonzentriert. Mein Leben führe ich derzeit unbeständig, so wie es mir gefällt. Ich stehe auf, wann ich will, lebe in den Tag hinein. Meine Sinne sind nicht wirklich auf ein Ziel fokussiert. Meine Fähigkeiten als Arzt schlafen, denn ich habe derzeit andere Bedürfnisse, als Menschen zu helfen. Ich möchte herausfinden, was mein wahres Ansinnen ist. Bisher fand ich nur konfuse Sehnsüchte, geteilte Aufmerksamkeit und stumpfwitternde Sinne. Das alles ist ohne einen inneren Zusammenhang, ohne Bedürfnisse oder Handlungsstruktur. Ich bin weltoffen, aber es fühlt sich nicht wie Freiheit an.»



Earthrise. Quelle: Wikimedia commons



Links dazu was vorher geschah:
Das Unmögliche I 
Das Unmögliche II 
Das Unmögliche III  

Das Unmögliche IV
 Das Unmögliche V

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen