Freitag, 6. September 2019

Das Unmögliche VIII

 

U-Bahn Berlin Richard-Wagner-Platz. Quelle



Maxe lag auf der Psychoanalysecouch. Er hatte sich zur Sitzung um 10 Minuten verspätet, weil er in der U-Bahn ein Buch gelesen hatte und dabei den U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz verpasst hatte, wo Maxe hätte aussteigen sollen. Er wusste nicht, was er heute hätte erzählen können. Sein Kopf war leer.
«Schweigen Sie, weil Ihre Verspätung Ihnen unangenehm ist?» Fragte Dr. Kluge-Meier.
«Das passiert mir sonst eigentlich nie, dass ich zu spät komme. Die Termine bei Ihnen sind mir sehr wichtig, denn ich möchte ja, dass sich etwas in meinem Leben verändert.»
«Was würde das für Sie bedeuten, wenn sich etwas in ihrem Leben verändern würde?»
«Ich hoffe, dass ich dann glücklicher sein werde und mein Leben wieder in den Griff bekomme.»
«Würde das ihr jetziges Leben verändern?»
«So wie ich derzeit in den Tag hinein lebe, würde es nicht mehr sein können. Morgens müsste ich mir den Wecker stellen und abends könnte ich nicht bis in die Puppen mit meinen Atzen in der Kiezkneipe klönen. So wie es jetzt ist, hat es auch seine angenehmen Seiten, die ich nicht missen möchte. Das könnte ich dann nur am Wochenende so machen.»
Warmherzig hakte Dr. Kluge-Meier noch einmal nach: «Haben Sie Angst vor Veränderung durch die Therapie?»
Maxe fühlte sich unangenehm berührt, so als hätte man ihn beim heimlichen Popelessen beobachtet und darauf angesprochen.
«Natürlich nicht! Deshalb komme ich doch zu Ihnen.» Wehrte Matze vehement ab und merkte wie er sich verteidigte, obwohl der Arzt ihn gar nicht angegriffen hatte.
«Es ist seltsam, was hier vor sich geht. Ich möchte, dass mir geholfen wird und gleichzeitig sabotiere ich mich selbst, indem ich zu spät komme. Wenn Sie mich darauf ansprechen, fühle ich mich wie ein Kind von Mutters ertappt, weil es an der Keksdose genascht hat. Es ist beschämend, daher verleugne ich es vor ihnen. Vor mir selbst kann ich es nicht verleugnen, weil ich den Widerspruch spüre. Ich will mich nicht selbst belügen.»
«Warum kamen Sie zu spät?»
«Ich las ein Buch über moderne Kulturwissenschaften und war so versunken, dass ich den U-Bahnhof verpasste.»
«Welchen Bahnhof?»
«Na, den mit den schwarz-rot-gelben Fliesen. Wie heißt er denn gleich? Ich komme einfach nicht auf den Namen, dabei ist er mir geläufig. Ich steige jedes Mal dort aus, wenn ich zu Ihnen komme.»
«Was verbinden Sie mit dem U-Bahnhof?»
«Was soll ich schon mit diesem U-Bahnhof verbinden? Ich fühle mich dort völlig fremd. Vielleicht verbinde ich damit unterschwellige Aggressionen und Wut. Der Bahnhof ist in den Farben der Deutschlandfahne gefliest und ist nach dem Komponisten Richard Wagner benannt, der mich an die Walküre erinnert.»
«Die Walküre ist der Titel einer Oper von Richard Wagner. Sie bildet zusammen mit den Opern Das Rheingold, Siegfried und Götterdämmerung das Gesamtwerk Der Ring des Nibelungen.»

Siegfried im Herrnsheimer Schlosspark. Quelle


«Siegfried sagt mir etwas. Als Schüler war ich mit der Klasse mit meinem Geschichtslehrer im Siegfriedmuseum in Xanten. Beim Bad im Drachenblut war ein Lindenblatt auf Siegfrieds Rücken gefallen und somit dort kein Schutz mehr vorhanden. Kriemhild hat diese Stelle Hagen verraten, der später den linken Mord begann. Ein Lanzenstich führte zum Tod Siegfrieds.»
«Wo ist die Stelle, an der das Lindenblatt auf Ihren Rücken gefallen ist?»
«Darüber habe ich auch schon oft nachgedacht. Ich fühle mich verwundbar und werde auch immer wieder von meinen Mitmenschen verletzt. Warum dies so ist, verstehe ich bisher nicht. In meinem Tun verfolge ich stets die besten Absichten.»
Gelöst verließ Matze an dem heutigen Tag die Sitzung. Beim Anziehen seiner Jacke im Vorzimmer saugte er noch einmal den Duft aus dem Aromabrunnen auf und lauschte dessem Gemurmel.


Was vorher geschah:
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